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Adele strahlt

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Jungkellner Leo, dessen Lehrzeit inzwischen herum war, lugte durch die Eingangstür und gab dem Pianisten Richard Stelzer ein Zeichen. Das Stimmengewirr im voll besetzten Restaurant „Narrenhäusel“ ebbte umgehend ab und alle Blicke richteten sich auf die Tür. Auch Martha, Frieda und Erna schauten nach vorn. Und alle beschäftigten die Fragen, ob sie allein komme, wie ihre Laune sei und vor allem, was sie wohl an diesem trüben Novembertag des Jahres 1926 trage.

Im Inneren des Narrenhäus'ls - zeitgenössische Fotografie
Im Inneren des Narrenhäus’ls – zeitgenössische Fotografie

Der dramatische Einzug ins Narrenhäusel

Höchst dramatisch setzte Richard Stelzer zu einer besonderen, furiosen Klavierversion der Einleitung der sinfonischen Dichtung von Richard Strauss „Also sprach Zarathustra“1, nämlich des Teils des Sonnenaufgangs nach tiefster Nacht, an. Und aus dem Dunkel des späten Nachmittags trat eine strahlende Diva Adele in das Licht des Restaurants in unnachahmlicher Pose, die Arme angewinkelt auf halber Höhe haltend und sich nach rechts und links verneigend. Alle waren sich sicher, dass dies ein bühnenreifer Auftritt war, den selbst das Alberttheater noch nicht gesehen hatte, und dass es nur eine Adele, nämlich ihre Adele, geben könne. Allein für diesen Auftritt habe sich für die meisten Gäste das Kommen gelohnt. Im tosenden Beifall ließ der Pianist die Melodie ausklingen.

Liebling Leo und Richard Strauss

Langsam ging Jungkellner Leo, dessen modischer, blonder Schnurrbart in schmaler englischer Silhouette an Deutlichkeit gewonnen hatte, auf Adele zu. In den letzten Monaten war er über ihre Körpergröße hinausgewachsen und seine Gesichtszüge hatten das Kindliche längst gegen jugendliche Schönheit und auch eine gewisse Lüsternheit eingetauscht. Seufzend tätschelte sie ihren Liebling, auch wenn sie wusste, dass er für sie nicht mehr erreichbar war. Gemächlich drehte sich Adele zur Seite, sodass Leo ihren Kamelhaarmantel mit dem echten Fuchspelz ganz als Gentleman entgegennehmen konnte. Darunter trug sie einen mit unzähligen Pailletten besetzten taillenlosen Hänger. Zuvor streifte sie noch ihre Glacehandschuhe ab und reichte sie ihm, nicht ohne seine rechte Hand, unauffällig für andere, zart zu berühren, was einen inneren Schauer bei ihm auslöste.

Dann ging sie zum Klavierspieler Richard Stelzer und dankte ihm ganz herzlich für dieses musikalische Entree ins „Narrenhäusel“. So etwas habe sie noch nie erlebt. Dieser Rückgriff auf die philosophische Schrift von Friedrich Nietzsche war wie für sie geschrieben und komponiert. Es ging um die Befreiung der Individualität aus der Enge kleingeistiger Moralität. Ganz ihr Lebensthema.

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Ihre Freundinnen

Oberkellner Herr Franz geleitete Adele Lampel an den Tisch ihres Kränzchens im hinteren Bereich des Restaurants „Narrenhäusel“. Ihre Freundinnen, die mitfühlende und moralisierende Martha Kruska, Frieda Lemke, die vorlaute Hoteliersgattin von der Bautzener Straße, und die etwas ernstere, mit gutem Allgemeinwissen ausgestattete Erna Schwuppke erwarteten sie ungeduldig.

„Das wurde auch Zeit, meine Liebe“, grummelte Frieda. „Wir dachten schon, dass du an jedem Tisch hier und da ein Schwätzchen hältst und wir nur das Allerletzte für dich sind“, schob sie, etwas leidig gespielt, hinterher.

„Ach Quatsch, meine Lieben. Ich komme doch nur wegen euch hierher“, lachte sie.

„Ha“, legte Martha mit finsterer Miene nach. „Wer’s glaubt, wird selig.“

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„Meine liebste Martha, ich lasse mir von dir nicht meine gute Laune verderben“, sagte Adele, streichelte ihre Schulter und gab Herrn Franz das Zeichen für das Defilee der Gaumenfreuden. Zunächst Kaffee mit der obligatorischen Eierschecke, dann die erste Runde Sekt.

Künstlerverkauf im Kaufhaus Renner

„Sag mal, liebste Adele, wie war denn der diesjährige Künstlerverkauf bei Renner2?

Ich habe deinen Namen gar nicht in der Zeitung gelesen“, warf Erna süffisant ein, ein Thema, das wohl auch die Gäste im voll besetzten Restaurant interessierte.

„Furchtbar, Erna. Den Schreiberling habe ich mir vorgeknöpft. Es war so ein junger Spunt von Praktikant, der mich noch nicht kannte. Da konnte er mich aber mal kennenlernen. Den habe ich zusammengefaltet, dass er in eine Hutschachtel hätte passen können. Aber ansonsten war der Nachmittag im Kaufhaus Renner am Altmarkt höchst erfreulich. Insgesamt waren 110 Künstler und Künstlerinnen aus allen Dresdner Theatern dabei. Zuerst habe ich mit Erich Ponto vom Staatstheater seidene Tücher an die illustren Käufer gebracht. Und im zweiten Auftritt eine Etage höher verkaufte ich mit Walter Kottenkamp, der seit vergangenem Jahr ebenfalls dort gastierte, höchst delikate und modische Herrenunterwäsche.“2

Dabei verdrehte sie genüsslich die Augen und spitzte ihren Mund, was bei Martha Kruska einen entrüsteten Blick hervorrief.

„Reg dich nicht auf, Martha“, drängte sich Frieda ins Gespräch. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Adele an diesem Verkaufsstand das geistige Bild der Männer in diesen Unterhosen vor Augen hatte.“

Martha bekam Schnappatmung und Frieda gackerte los. Um nicht zu sehr ins Frivole abzugleiten, fragte Erna nach dem Zweck der Aktion, der sich ihr nicht erschloss.

Eingang zum Dresdner Narrenhäusel von der Augustusbrücke - zeitgenössische Postkarte
Eingang zum Dresdner Narrenhäusel von der Augustusbrücke – zeitgenössische Postkarte

„Also, meine Lieben, das war vordergründig eine große Aktion zur Unterstützung der Wohlfahrtskasse der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger2. Vor allem im Alter geht es vielen meiner Kollegen vom Schauspiel, vom Chor, von der Technik, den Garderobieren usw. nicht besonders gut. Und da traf es sich gut, dass sich das Modehaus Renner für diese Aktion sofort engagierte. Der Andrang war so groß, dass die Chefetage vorab weiße oder grüne Eintrittskarten für zwei Zeitfenster zu zwei Mark das Stück verkaufte. Und wir Bühnenkünstler hatten viel Spaß mit unseren potenziellen Theaterbesuchern. Es war also eine gelungene Werbeveranstaltung zum dreiseitigen Nutzen.“

Und darauf gab es eine weitere Runde Sekt und endlich einen Eierlikör, den sich Frieda so sehr wünschte. Fast alle im Lokal machten diese Runden mit, was wiederum den Gastwirt Helmut Frisch und Oberkellner Herrn Franz freute.

Ein Sittenstrolch

Frieda stupste ihre Freundin Martha an. „Was ist los mit dir? Heute kam noch kein einziges Lächeln in dein Gesicht. Hat dich dein Rathausbeamter geärgert?“

Martha seufzte. „Mir schlottern noch die Knie, wenn ich daran denke.“ Stille am Tisch und in der unmittelbaren Nachbarschaft. „Wisst ihr, ich wurde auf dem Herweg am Neustädter Markt unter dem wachsamen Blick der Polizei von einem Mann belästigt. Ich kann euch gar nicht sagen, was er mir schamlos antrug. Ich könnte im Boden versinken.“

Nun wollten es alle wissen. Etwas stotternd kam es Martha über die Lippen. So erzählte sie, wobei sich Röte und Blässe in ihrem Gesicht abwechselten, dass mitten auf dem Markt ein etwa dreißigjähriger Mann auf einem Fahrrad neben ihr hielt und unschickliche Sachen zu ihr sagte.3 Das wollten alle anderen am Tisch natürlich sehr genau und möglichst in jedem Detail wissen. Nach einigem Zieren gab sie schließlich das Widerfahrene preis.

Dresdner Nachrichten vom 20. Oktober 1926
Dresdner Nachrichten vom 20. Oktober 1926

So umschmeichelte er ihre Schönheit, was bei Frieda ein Glucksen und daraufhin bei Martha böse Blicke hervorrief. Dann zeigte er auf die sich unter ihrem Hängerkleid abzeichnenden kleinen Brüste und meinte lächelnd, dass die ihn ganz wuschig machen würden und dass er ihr gern seinen Pfiffi präsentieren wolle, ehe dieser einen Tobsuchtsanfall bekäme. Und so viel Unverschämtheit habe sie vor Schreck stocksteif werden lassen.

Nachdem Adele einen Kampf mit ihrem Lachorgan zur Verhinderung des Anfalls geführt hatte, was ihr wiederum einen entrüsteten Blick von Martha eintrug, sagte sie, dass dieser Kerl von ihr sofort eins mit ihrer Handtasche über seine Rübe bekommen hätte, woraufhin sich sein Schniedel wohl erschrocken in eine Bauchfalte verkrochen hätte. Martha müsse auch sofort Anzeige bei der Polizei erstatten, um diesem Sittenstrolch das Handwerk zu legen. Adele würde ihr gern dabei helfen.

Schön und hässlich

Dann wechselte Adele schnell dieses für Martha unangenehme Thema und erzählte, dass sie neulich bei einer Besetzungsauswahl für ein Stück im Alberttheater gebeten wurde, mit ihrem Sachverstand bei der Begutachtung der Bewerberinnen für die weibliche Hauptrolle dabei zu sein, wobei sie das Wort „Sachverstand“ extra für ihre Freundinnen besonders betonte.

„Und ich dachte, das würde der Herr Direktor auf seiner Besetzungscouch selbst erledigen?“, betonte süffisant Erna Schwuppke. Frieda konnte sich natürlich nicht die Bemerkung verkneifen, dass Adele wohl bei der Auswahl der jungen Männer besondere Qualifikationen und Erfahrungen besäße, worauf diese klugerweise nicht einging und nur meinte, dass diesmal ausdrücklich die jungen Frauen und der Wandel der heutigen Schönheitsideale im Mittelpunkt standen.4

Dem letzten Sachverhalt stimmte Erna zu. Nach Angaben von Fotografen, die sie kenne, wollten oder sollten Frauen von heute nicht mehr zart, weich, lieblich und süß aussehen, sondern streng und hart, scharf und wild. Dem widersprach Martha vehement, was aber Erna nicht gelten ließ. Heute erscheine eine Frau als schön, so Erna, die man vor dem Großen Krieg 1914/18 noch als hässlich bezeichnet hätte. So schrieb das kürzlich ein englischer Maler in einer Londoner Zeitung, dozierte Frieda weiter, wonach die einzige unverzeihliche Sünde bei einer Frau sei, banal auszusehen. Die Dame mit dem rosigen Teint, den struppigen schwarzen Haaren und den eckigen Gesichtszügen, die in früheren Zeiten als Sinnbild und Modell von Vogelscheuchen galt, könne sich heute zum Mittelpunkt eines Tanzsaales machen, wenn sie ihre unreine Haut unter einer leichenblassen Puderschicht verberge, die Haare kurz halte und straff zurückstreiche, durch Bemalung der Augenbrauen und einige scharfe Schminkstriche ihre Züge betone und sich mit langen barbarischen Ohrringen behänge. Nur sie gelte als interessant und dämonisch. Die Männer führen angeblich darauf ab.4

Dresdner Nachrichten vom 17. Oktober 1926
Dresdner Nachrichten vom 17. Oktober 1926

Erna hatte sich so in Rage geredet, dass tiefe Stille im Restaurant eintrat. Und ehe sie womöglich noch einen Kreislaufkollaps erleiden würde, legte ihr Frieda ihre Linke auf die Rechte und tätschelte diese. Derweil bestellte Adele noch eine Runde Sekt mit Kompott in Form von Eierlikör. Und so klang das Kränzchen im „Narrenhäusel“ noch im allgemeinen Wohlgefallen aus.

Anmerkungen des Autors

1 Richard Strauss, sinfonische Dichtung „Also sprach Zarathustra“, op. 30, 1896, Intro „Sonnenaufgang“.
2 Dresdner Nachrichten vom 18. Oktober 1926.
3 Dresdner Nachrichten vom 20. Oktober 1926.
4 Dresdner Nachrichten vom 17. Oktober 1926.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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