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Winterspaziergang

Endlich Wochenende. An diesem Sonnabend im Februar 1926 trafen sich nachmittags die vier Freunde Franz, Arthur, Sebastian und Eugen, alle um die 20 und noch unbeweibt, am Fuße des Goldenen August am Dresdner Neustädter Markt, um gemeinsam einen schönen Resttag zu erleben. Gut eingemummelt trotzten sie dem unangenehmen Wind aus Nordost, der die angesagten minus 5 Grad doppelt so kalt erscheinen ließ.

Blockhaus und Café Moltke, zeitgenössische Postkarte, um 1916
Blockhaus und Café Moltke, zeitgenössische Postkarte, um 1916

Der etwas behäbige Franz, der Kaufmann aus dem Schmuckgroßhandel Pfleumer in der Heinrichstraße 17, hatte vorgesorgt und präsentierte allen einen Flachmann¹ mit einem guten, milden und damit süffigen Weinbrand. Und dieser musste ob seiner Qualität auch gleich getestet werden.

Einzig Eugen, der Schneidergeselle aus der Körnerstraße, verzog den Mund, was die anderen drei zum Frotzeln brachte. Er sei in seiner Schneiderstube wohl ziemlich verweichlicht und zu fein für dieses harte männliche Getränk. Nächstens werde man einen süßen Kirschlikör mitbringen, damit seine zarte Seite keinen Schaden nehme, meinte augenzwinkernd Arthur.

Eugen nahm es ihnen nicht übel. Sie kannten sich schon von klein auf und wussten um die Gegebenheiten des anderen.

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Polizisten auf Rollschuhen

Dann ging es zum Blockhaus. Neben diesem stand ein Streifenpolizist und beobachtete das Geschehen rings um den Neustädter Markt. Witzbold Arthur, der stets nach Kaffee roch, weil er in der Rösterei Zänker auf der Fleischergasse arbeitete, senkte beim Anblick des Wachtmeisters seine Stimme, zog die rechte Augenbraue hoch und flüsterte, dass er gehört habe, dass die Dresdner Polizei eine neue Truppe von Ordnungshütern bilden werde, die mit Rollschuhen ausgestattet werden soll².

Dresdner Neueste Nachrichten vom 24. Januar 1926
Dresdner Neueste Nachrichten vom 24. Januar 1926

Alle prusteten los.

Dann stellte sich Sebastian den etwas korpulenten Schutzmann am Blockhaus vor, wie der wankend und mit den Armen wedelnd mit Rollschuhen einen Dieb über das Kopfsteinpflaster des Marktes verfolgte und sich dann auf seinen Arsch setzte. Nun war kein Halten mehr. Mit lautem Gelächter verschwanden sie unter dem irritiert dreinblickenden Wachtmeister im Blockhausgässchen.

Am Uferweg in Richtung des Japanischen Palais folgte ein weiterer kräftiger Schluck aus den Flachmännern. Eugen atmete auf und nahm strahlend von Franz ein Fläschchen Kirschlikör entgegen. „Ich hab dich nicht vergessen“, grinste er.

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„Da wir gerade an der Elbe sind, Freunde, sag ich mal was Historisches“, warf Sebastian ein. Zwar verdrehte Arthur die Augen, aber trotzdem waren alle neugierig auf das, was der Student der Philosophie diesmal wieder ausgegraben hatte.

Übel am Terrassenufer

„Dort drüben hinter der Augustusbrücke am Terrassenufer gab es Mitte des letzten Jahrhunderts ziemlichen Ärger“³, begann er zu dozieren und wurde sogleich vom witzigen Arthur unterbrochen.

Dresdner nachrichten vom 6. November 1862
Dresdner nachrichten vom 6. November 1862

„Da hat man wohl in aller Öffentlichkeit gezwitschert und die feinen Damen oben am Gitter haben sich scheinentrüstet gezeigt? Hach, wie furchtbar, riefen die entrüstet und hielten sich mit beiden Händen die Augen zu, wobei sich die Finger der rechten Hand spreizten, um ja nichts zu verpassen.“ Alle lachten und die Flaschen kreisten ein weiteres Mal.

„Das hättest du wohl gern“, erwiderte grinsend Sebastian. „Aber in die Richtung geht meine Geschichte zu deinem Leidwesen nicht, zumindest nicht ganz. Der Grund des Übels am Terrassenufer fand nicht unten am Elbufer statt. Damals gab es noch keine Uferstraße und die Leute nutzten das Gelände für Spaziergänge und die Elbkähne zum Be- und Entladen ihrer Fracht, weil die größeren Schiffe nicht unter der Augustusbrücke hindurch passten⁴. Das Übel begab sich oben. Dort flanierten die Damen und Herren der besseren Gesellschaft vom Bellevue zum Schlossplatz und wieder zurück und hin und her.

Die Damen führten ihre Hündchen aus und die Herren genossen ihre Zigarren. War diese so weit heruntergebrannt, dass die Glut fast die Finger erreichte, flog diese in weitem Bogen über das Geländer, in der Annahme, dass der Stumpen die Elbe erreichte und die Glut zum Erlöschen bringen würde. Doch die Herren Flaneure gingen fehl in ihrer Annahme. Und da hast du Recht, lieber Arthur. Besonders in den dunklen Stunden kam es vor, dass so ein brennender Stumpen mit Funkenregen die nackten Hintern von Liebespärchen traf, denen das Schäferstündchen daraufhin wegen Heißlaufen der Maschinerie vergangen war. Und tagsüber trafen die Restzigarren nicht selten die Hüte der am Ufer flanierenden Damen oder verschwanden in den Hälsen der Herren, was stets lautes Gezerre hervorrief.“

„Schöne Geschichte“, meinte Franz und klopfte Sebastian lachend auf die Schulter. „Für deine tolle Unterhaltung lohnt sich zumindest dein Studium“, was Arthur und Eugen zum Schmunzeln und Sebastian zu seinem alkoholischen Beitrag der Wegzehrung brachte und den Alkoholpegel weiter in die Höhe trieb.

Wider dem Alkohol

In der Höhe des Parks am Japanischen Palais meinte Schneidergeselle Eugen in Anbetracht seiner Promillezahl, einen Beitrag intellektueller Art – oder was er dafür hielt – leisten zu müssen.

„Wisst ihr, dass man vor 45 Jahren ernsthaft darüber diskutierte, wie man die Sauferei der Männer und auch mancher Weiber beikommen wollte?“ Achselzucken bei den anderen. „Nun, eine Zeitung machte da folgende Vorschläge.“⁵ Und bevor er diese kundtat, kreiste die Weinbrandpulle bei Franz, Arthur und Sebastian und ein Schluck Kommodenlack, alias Kirschlikör, verschwand in Eugens Mund. Nach einem kräftigen Rülpser fuhr er fort.

„Also, die Zeitung … ja … ach ja, die Strafen fürs Saufen. Wird der Delinquent beim Genuss von leichtem Fusel, also dem Zeug, was ihr da sauft, erwischt, soll er sofort arrestiert und eiskalt abgeduscht werden, bis er wieder nüchtern ist. Als Unkostenbeitrag für die anstrengende Arbeit der Justitia soll er dann noch 3 Mark blechen. Im Wiederholungsfall kommen 50 Prozent drauf“, grummelte Eugen und ließ sich auf einer Mauer am Japanischen Palais nieder. Der kalte Stein machte seine Hämorrhoiden sauer und ihn etwas nüchterner.

„Und wie war das bei einem Weinschwips? Aber nicht von dem sauren Zeugs von hier“, nahm Arthur den Gesprächsfaden wieder auf.

„Also mit einem Rausch vom Rheinwein. Da gibt’s auch Strafen für die feine bürgerliche Wohlstandsgesellschaft, genauer für dich, wenn du mal keinen Fusel und kein Bier trinkst und dich nicht in der Öffentlichkeit zeigst. Da ist das Strafmaß ganz der herrschenden Klasse angepasst. Diese Zecher bekommen nur Hausarrest, damit sie bequem weiter saufen können, wenn sie nüchtern sind. Schließlich war der Wein nicht gerade billig“, klärte Eugen auf.

„Und was ist mit den Parteileuten aus dem Landtag? Die saufen nicht gerade wenig“, fragte Philosoph Sebastian.

„Hah“, rief Eugen aus, nachdem er einen weiteren Schluck Kirschlikör zu sich nahm. „Da schrieb die Zeitung, dass die besoffenen Sozis gleich so lange arrestiert werden sollten, dass sie bei der Ausnüchterung vergessen, welche Klassenkampfparole gerade aktuell ist, wenn sie diese ohnehin nicht schon längst vergessen haben. Den armen Konservativen sollte mitleidig und hilfsbereit beigesprungen werden. Und die durch Dresden und Sachsen umherirrenden Nationalliberalen müssten mit allerlei Lebenselixieren erst aus dem Hirnkoma geholt werden.“⁵

Der Calculator vom Januar 1881
Der Calculator vom Januar 1881

Zur Entspannung ins Royal

Im Park des Japanischen Palais konnten die Jungs nicht mehr an sich halten und umlagerten einen alten Baum, um diesen zu begießen. Als zwei Damen an ihnen vorbeiliefen und sich darüber aufregten, drehten sich die vier um und richteten grölend ihre Rohre in Richtung dieser, was ihnen eine lautstarke Wortkanonade wegen dieser Obszönitäten einbrachte. Sie drohten mit der Polizei und dem Herrn Pfarrer von der Dreikönigskirche, was die Jungs bewog, alles wieder gut zu verpacken und schnellstens über die Kaiserstraße in Richtung der Antonstraße zu laufen.

Hotel Royal auf der Antonastraße - Foto: Archiv altesdresden.de
Hotel Royal auf der Antonastraße – Foto: Archiv altesdresden.de

Franz glaubte, eine der Damen erkannt zu haben, welche eine gute Kundin im Schmuckgeschäft seines Vaters sei. Und die Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Standpauke seitens seines Vaters ließ ihn einige Null-Komma-Promille nüchterner werden.

„Kommt, es ist noch viel zu früh an diesem Abend. Gehen wir noch einen trinken, und Hunger habe ich auch“, meinte er, die dunklen Wolken am Horizont abschüttelnd. Und so machte sich das Quartett auf ins Hotel Royal auf der Antonstraße 9. Dort erwartete sie ein guter Schweinebraten, ein gepflegtes Bier und das eine oder andere Schnäpschen. Für Eugen natürlich Kirschlikör. Der Hauptgrund war aber, dass es dort eine sehr unterhaltsame Damenbedienung geben soll. Damit ließ sich dieser frostige Winterabend gut aushalten.

Anmerkung des Autors

¹ Flachmänner sind kleine gewölbte Flaschen für gebrannten Alkohol. Ihre gewölbte Form dient der Aufbewahrung in der Jacke oder Hose. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es sie. Verbreitet wurden sie zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert in den vielen Kriegen im Soldatengepäck. Auch Frauen nutzten sie.
² Dresdner Neueste Nachrichten vom 24. Januar 1926
³ Dresdner Nachrichten vom 6. November 1862
⁴ Die von Pöppelmann umgestaltete Brücke aus dem Mittelalter ließ die größeren Schiffe im 19. Jahrhundert nicht mehr durch. Die Fracht wurde umgeladen auf Schiffe auf der jeweils anderen Seite der Brücke. Zwischen 1907 und 1910 erfolgte durch die Architekten Klette und Kreis ein Neubau.
Der Calculator an der Elbe, Nr. 429 vom Januar 1881


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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