„Mir wird’s zu warm“, brummelte Fritz Seifert, zog seine Joppe aus und legte sie neben sich auf die Bank. Dieser späte Vormittag an einem herbstlich milden Oktobertag 1926 mit seinem lauen Wind und den ab und an fallenden, malerisch gefärbten Blättern ließ ihn die angenehme Luft tief einatmen und sich wieder seiner Zeitungslektüre zuwenden. Erschrocken fuhr er hoch, als sich ein Schatten auf dem Zeitungsblatt manifestierte.

„Ich bin’s bloß“, entgegnete der Schatten, hinter dem sich sein alter Freund seit Kindestagen lachend hervorschälte.
„Ach Paul, dich hätte ich zu dieser Stunde nicht erwartet.“
„Aber ich dich auf dieser Bank“, lachte Paul Lammert, setzte sich, hob aus seiner Tasche kurz zwei Flaschen Bier hervor und ließ sie wieder darin verschwinden. „Ich stelle sie mit Tasche zwischen uns, sonst denken die Leute noch, wir seien zwei von diesen herumlungernden Suffköppen.“
Vor ihnen plätscherte in gleichmäßigem Rauschen der Brunnen mit dem irgendwie irreführenden Namen „Stilles Wasser“.
Unterschiedliche Freunde
Beide öffneten die Bügelverschlüsse ihrer Bierflaschen, nahmen jeweils einen kräftigen Schluck und atmeten dann genussvoll aus, wobei dem Fritz ein tief rollender Rülpser entwich.
„Trotz der Tatsache, dass du am Stock gehst, bist du in deinem Innern noch wohlauf“, lachte Paul. Die beiden 66-Jährigen könnten unterschiedlicher nicht sein. Fritz ist Rentner und ehemaliger Steinmetz. Die Plackerei und der damit verbundene feine Steinstaub hatten seine Knochen ramponiert und seine Lungen so geschädigt, dass sich jeder Atemzug wie das Pfeifen einer Lokomotive anhörte. Aber im Kopf war noch alles in Ordnung.
Zu Hause saß seine Frau Luise und beschäftigte sich mit Kochen, Putzen und Näharbeiten für die Nachbarschaft. Da war sie froh, wenn ihr Fritz nicht im Wege lief oder saß. Außer auf das Essen warten, Zeitung lesen und schlafen war mit Fritz sowieso nichts mehr anzufangen. Und so war sie froh, wenn er sich bei trockenem und nicht zu kaltem Wetter aus dem Haus machte und sich mit Gleichgesinnten auf dem Albertplatz traf.
Und so lebte es sich
Demgegenüber war Paul ehemals als Ingenieur und Beamter im Bauamt der Stadt tätig. Seine eingeatmete Luft im Büro war nicht mit Steinstaub, sondern nur mit dem Staub alter Akten versetzt. Nun verlebte er seine Pension in guter Lage auf der Hauptstraße 38 mit Blick zur katholischen Pfarrkirche Franciskus Xaverius und auf den Albertplatz. Zudem war er noch flink auf den Beinen und ebenso im Kopf. Mit seiner Senta, die zeitlebens Hausfrau war, ging es nun des Öfteren auf Reisen in die nähere und fernere Umgebung. Die weiteste Fahrt bisher brachte beide im vergangenen Mai mit dem Zug für fünf Tage nach Prag. Davon schwärmte er noch heute. Zudem hatten beide ein Anrecht auf alle Premieren im Alberttheater. Dort konnte Senta ihre neueste Garderobe ausführen.

So etwas konnte sich Fritz nicht leisten. Wenn schon Ausflüge, dann mal mit einem Elbdampfer nach Rathen oder zu Fuß nach Kötschenbroda. Letzteres ging wegen seiner kaputten Knie auch nicht mehr. Und so blieb jetzt nur noch ein Gang ins Welttheater-Kino gegenüber ihrer Wohnung in der Alaunstraße 18 oder in die Palast-Lichtspiele ein paar Häuser weiter in Richtung Alaunplatz.
Falls ihm hier und da vor Langeweile die Decke auf den Kopf fiel, billigte ihm seine Luise ein paar Groschen für eine Kneipenkur in der Schankwirtschaft Saxonia-Säle zu.
Im Winter war es an den Brunnen auf dem Albertplatz jedoch zu kalt und so trafen sich die Freunde Fritz und Paul auch in der Rabensteinschänke gleich im Nachbarhaus von Paul.
Am Brunnen plätschert’s und im Rathaus wird sich fast geprügelt
„Hast du das gelesen von den Streithammeln in der Stadtverordnetenversammlung diese Woche?“2
„Nein. Um was ging es denn?“

„Na, um was wohl. Die Sozialdemokraten und Kommunisten gingen sich wieder mal gegenseitig an die Gurgel. Der Anlass: Das Reichsbanner1 wollte auf dem Hohenthalplatz im Bereich des Krankenhauses Friedrichstadt ein Platzkonzert zu einer Ausstellungseröffnung abhalten und ein Transparent für den Schutz der Republik aufstellen. Dazu sollten die offiziellen Staatsflaggen Schwarz-Rot-Gold gezeigt werden. Das lehnte die Stadtverwaltung ab. Daraufhin warf ein sozialdemokratischer Abgeordneter dem Rat vor, noch nicht in der Republik angekommen zu sein.“
„Wieso gab es dann Zoff?“
„Alles ging mit Zwischenrufen der Kommunisten los, in denen der Oberbürgermeister Blüher als Reaktionär beleidigt wurde. Dann stimmten die Rechten aus DNVP, DVP und Deutschsozialen gegen einen Antrag der SPD zur sofortigen Annahme ihres Antrages. Das passte auch der KPD nicht, die daraufhin die Republik als Ganzes verurteilte, weil sie sich gegen die Arbeiter richte. Und der Rat der Stadt erlaube sich zu viele Frechheiten. Deshalb werde die Arbeiterschaft das Banner von Marx, nämlich die Rote Fahne, das Banner der Herrschaft der Arbeiterklasse, aufrechterhalten und nicht Schwarz-Rot-Gold. Als die Sozialdemokraten darauf hinwiesen, dass die kommenden Wahlen das Problem klären würden, riefen die Kommunisten wütend dazwischen, dass man sich nicht auf diese Republik verpflichten lasse. Diese Republik sei mit Arbeiterblut beschmutzt. Gegen die reaktionäre Einstellung des Rates müsse man die Massen zur Demonstration aufrufen.“
„Gab es denn niemanden, der Vernunft walten ließ und die Hitzköpfe abkühlen konnte?“
„Wenn zwei blinde Stiere aufeinander zurasen, kann man nur noch ausweichen. Als die Demokraten einwarfen, dass auch das Denkmal von König Anton durch Fahnen und Transparent diskreditiert sei und man für den Sinn der Weimarer Verfassung streiten müsse, flog der Stöpsel aus der Flasche. Die Sozis warfen den Kommunisten vor, sie hätten mit ihren Auslassungen nur dem Oberbürgermeister Hilfsdienste geleistet. Und bei der Revolution am 9. November 1918 seien die Roten gar nicht dabei gewesen, worauf die KPD-Genossen erwiderten, dass die Sozis nur dabei gewesen wären, um sich Posten und Pfründe zu sichern. So eine Diskussion sei für die Sozis nur billiger Humbug, worauf die Kommunisten drohten, dass die Sozis gleich ein paar hinter die Ohren bekämen. Dann wurde gegenseitig voreinander ausgespuckt und gedroht, dass man wisse, wo der andere wohne. Und die Sozis konterten, dass der so rote Genosse vor nicht allzu langer Zeit noch Jubelgedichte auf den Kaiser verfasst habe, usw.“
„Und die anderen?“
„Die genossen schmunzelnd das Scharmützel in der Hoffnung, dass sich beide Fraktionen prügeln würden, was beinahe auch geschah. Nur einer von den Deutschsozialen meinte, dass diese Auseinandersetzung zwischen KPD und SPD die Schwäche des republikanischen Gedankens sehr deutlich zeige. Wenn man auf das Volk hören würde, wäre die Republik gefestigter, meinte dieser. Nicht auf die Staatsform käme es an, sondern auf deren Inhalt. Dieser Inhalt scheine durch die Kämpfe der Linken untereinander aber völlig leer zu sein.“
„Und war dann endlich Schluss mit lustig?“
„Gott bewahre. Es ging weiter mit Schmähungen und Beleidigungen. Selbst auf den Tribünen soll man kein Wort mehr verstanden haben. Dem Sitzungsleiter blieb nichts anderes übrig, als die Tagung der Stadtverordnetenversammlung zu schließen, um Schlimmeres zu verhindern. Damit kehrte aber noch lange keine Ruhe ein.“
„Komm, Fritz. Diese Aufführung des Komödienstadels kann man nur im Suff ertragen. Gehen wir rüber in die Rabensteinschänke.“

Anmerkungen des Autors
1 Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold wurde als Schutztruppe der Demokratie am 22. Februar 1924 in Magdeburg als überparteiliches Bündnis von der SPD, der liberalen Deutschen Demokratischen Partei und der katholischen Zentrumspartei gegründet. Damit reagierten diese Kräfte auf die zahlreichen Morde sowie die links- und rechtsradikalen Putschversuche als Gegenpol zum Rotfrontkämpferbund sowie zur SA und SS. Dem schlossen sich ab 1931 auch viele Gewerkschaften in der sogenannten Eisernen Front gegen die NSDAP zusammen. 1933 wurde das Reichsbanner verboten.
2 Dresdner Nachrichten vom 1. Oktober 1926
Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.
























Sehr interessant, danke.