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Zum Schwofen ins Linckesche Bad

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„Du bist als Kind zu heiß gebadet worden,
da ist dir bestimmt geschadet worden…“

sang der halbe Saal im Linckeschen Bad an diesem frühherbstlichen Sonnabendabend im September 1926 den Refrain des alten Klassikers in moderner Swing-Version des Haus-Salon-Orchesters. Beim Tusch stieß man mit den Bierhumpen zusammen.

Linckesches Bad - Eingang von der Bautzner Straße, die damals Schillerstraße hieß. Postkarte von 1904
Linckesches Bad – Eingang von der Bautzner Straße, die damals Schillerstraße hieß. Postkarte von 1904

„So einen Spaß hatte ich schon lange nicht mehr“, rief Franz Stocker, der Anstreichergeselle aus der Markgrafenstraße1, und trank seinen Humpen in einem Zug leer. Dem stimmten seine Freunde Erwin Schulz und Paul Gottwald zu, wobei es Paul dem Franz gleich tat. Nur Erwin hielt sich beim Trinken zurück. Der Tischlergeselle war seit einigen Monaten arbeitslos und musste seine paar Kröten, die er wöchentlich vom Arbeitsnachweis2 bekam, zusammenhalten.

Die Damenwelt am Tisch

Da am Sechsertisch noch drei Plätze frei waren, setzte der Einlass drei Damen, natürlich mit Hintergedanken, an den Tisch der Jungs, die in etwa das gleiche Alter von 22 Lenzen hatten. Sie erwiesen sich in mehrerer Hinsicht als passend. Zum einen wohnten Gerlinde, Edeltraut und Christine in der Gegend der Jungs um die Kreuzung Bautzner Straße / Markgrafenstraße und zum anderen waren sie keine Mauerblümchen.

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Gerlinde fächelte sich kühle Luft mit einer Serviette zu. „Der Kerl dort drüben mit dem blonden Schopf und dem elegant geschnittenen Schnauzer hat mich bei dem Swing ganz schön auf Trab gebracht.“

„Dem kann man abhelfen“, fuhr Paul dazwischen. „Darf ich den Damen eine Erfrischung spendieren?“ und legte sein charmantestes Lächeln auf. Er konnte es sich leisten, da er als Student der Physik an der Technischen Hochschule Dresden aus einem gut situierten Beamtenhaus auf der Glacisstraße stammte. Der inzwischen herbeigeeilte Kellner nahm die Bestellung entgegen in der Annahme, dass es an diesem Tisch an diesem Abend wohl gute Umsätze und Trinkgelder zu erwirtschaften gäbe.

Wetterrückblick

Auch Franz gab sich von seiner besten Seite und verwies darauf, dass er froh sei, dass es an diesem Tag nur angenehme 17 °C seien.3 Die könne man gut aushalten. Nach dem verregneten Sommer drehte die Hitze vor zwei Wochen richtig auf. Bei den für Mitte September ungewöhnlichen mehr als 30 °C hätte man in seinen Klamotten baden können, meinte Franz. Nur die sich anschließenden Unwetter mit Stürmen und Hagelkörnern in fast Hühnereiergröße hätten die Hitze zum Glück sehr abrupt vertrieben.

Dresdner Neueste Nachrichten vom 18. September 1926
Dresdner Neueste Nachrichten vom 18. September 1926

„Da wäre ich am liebsten nackig durch die Straßen zur Prießnitz gewandelt“, rief Erwin unbedacht aus, worauf die Mädels laut losprusteten.

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„Das hätte ich sehen mögen“, rief die junge Schneiderin Christine aus und blickte dem erröteten Erwin tief in die Augen.

Ohne die geringste Scham warf Edeltraut ein, was das für ein Gebimmel geworden wäre, worauf die drei Mädels in schallendes Gelächter ausbrachen. Etwas irritiert blickte Erwin zu ihnen hin. Diese Lockerheit hätten er und seine Freunde von ihnen nicht erwartet und Franz dachte verunsichert, dass diese Damen vielleicht keine ehrenwerten Damen seien und vielleicht im horizontalen Gewerbe ihr Einkommen hätten.

Die Aufklärung erfolgte sofort. Gerlinde stellte sich als Studentin für das Grundschullehramt vor, Edeltraut war Verkäuferin im Kaufhaus Renner am Altmarkt und Christine war selbständige Schneiderin. Dann präsentierten sich die Herren und die Situation entspannte sich.

Die aktuellen Tänze

Das Haus-Salon-Orchester setzte zu einem flotten Foxtrott ein und die Jungs forderten die Mädels zum Tanz auf. Vor allem wollte Paul der Gerlinde den Typen mit dem englischen Schnauzer von gegenüber vergessen machen lassen und legte sich mächtig ins Zeug, indem er eine fesche Sohle aufs Parkett legte, was Gerlinde imponierte. Anerkennend sagte sie zu ihm, dass es so gute Tänzer wie ihn leider nicht allzu häufig gäbe. Ob das ernst gemeint war, war dem Paul gleichgültig. Jedenfalls ließ ihn dieses Kompliment um gefühlte fünf Schuhabsätze wachsen.

Dresdner Nachrichten vom 13. September 1926
Dresdner Nachrichten vom 13. September 1926

Wieder am Tisch angekommen, hörten sie gerade Christine über die aktuellen Tanzstile dozieren.4 So sei die Zeit der übertriebenen Verrenkungen bei Charleston und bei Shimmy vorüber. Dafür würden Foxtrott und Charleston vermischt. Und der Walzer als sogenannter Verschnaufer im Anschluss an den flotten Fox käme wieder zu Ehren.4 Auf die Frage, woher sie das wisse, verwies sie auf ihren derzeitigen Besuch einer Tanzschule in der Nähe der Hauptstraße. Den Jungs waren diese neumodischen Details jedoch egal. Hauptsache, sie hatten ihren Spaß.

Das Hutgesicht

Dann blickte Christine dem Erwin wieder tief in die Augen, so dass dem heiß und kalt wurde. Zum Glück verhinderten die modischen weiten Hosen weitere Peinlichkeiten.

„Weißt du, dass du ein richtig tolles Hutgesicht hast?“

„Nein. Ich trage weder Hüte noch Mützen“, erwiderte dieser etwas spröde.

„Solltest du aber. Das würde deine Jugendlichkeit nur unterstreichen. Vom Äußeren her bist du eher ein Sportsmann. Zu dir würde ein weiter gekniffener Filzhut ohne Einlassung aus einem langhaarigen seidenartigen Filz passen. Der wirkt auf dir richtig gut und lässt dich sehr elegant erscheinen.“5

Da Erwins Verlegenheit am Tisch auffiel, begannen die Jungs zu frotzeln.

„Oh, der elegante und schöne Erwin“, rief Paul aus und Franz stolzierte gleich mit hochgehaltenem Kinn um den Tisch herum. Das passte Erwin noch weniger. Und so war er froh, dass Christine ihn zum nächsten Tanz aufforderte, der zudem ein Walzer war.

Biergarten vom Linckeschen Bad - Postkarte von 1914
Biergarten vom Linckeschen Bad – Postkarte von 1914

Der Ausklang

Die Zeit im Saal des Linckeschen Bades verflog wie im Winde. Tanzen und Trinken, Lachen und Erzählen lösten einander ab. Als gegen Mitternacht der letzte Tanz vorüber war, gingen die sechs jungen Leute die Bautzener Straße entlang nach Hause. Diskret übernahm Paul die Rechnung vom arbeitslosen Erwin, auch wenn dieser sich dagegen zu wehren versuchte. Er wollte nicht als Schnorrer gelten. Doch Paul wischte seine Bedenken zur Seite. Er könne ja einen ausgeben, wenn er wieder Arbeit hätte, meinte er grinsend.

An der Kreuzung der Markgrafenstraße und der Bautzner Straße verabschiedeten sich alle voneinander mit dem ausdrücklichen Wunsche, sich am kommenden Sonnabend wieder zum Schwof6 zu treffen.

Anmerkungen des Autors

1 heute die Rothenburger Straße
2 So hieß damals das Arbeitsamt.
3 Dresdner Nachrichten, 13. September 1926, und Dresdner Neueste Nachrichten vom 18. September 1926
4 Dresdner Nachrichten vom 16. September 1926
5 ebenso
6 Das Wort „Schwof“ stammt aus dem mittelhochdeutschen „schwof“ für schwingende Bewegung. Seit etwa den 1820er Jahren benutzten die Studenten der Universitäten im ostmitteldeutschen Raum (Leipzig, Halle, Berlin) diesen alten mittelhochdeutschen Ausdruck für ein öffentliches Tanzvergnügen. Er ging dann von ihnen in den allgemeinen umgangssprachlichen Gebrauch in den mittelöstlichen deutschen Landen ein.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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