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Helene fest im Griff

Damals, 1929, gab es noch Winter und keinen Katastrophenalarm wegen leichter Winde und ein paar Schneeflocken. Manche der braven Dresdner Bürger verpassten Ende Januar den Kirchgang, andere den Sonntagsstammtisch in ihrer Kneipe. Trotz eisigen Winds standen sie mit Kind und Kegel zuhauf an der Einmündung des Pieschener Hafens in die Elbe. Ihnen bot sich ein besonderes Schauspiel.

Unten im Hafen versuchte der Fährmeister Jakob gemeinsam mit drei Wehrleuten vom Feuerlöschboot, den kleinen Fährdampfer namens Helene fahrtüchtig zu machen und einen Weg durch das sich auftürmende Grundeis zu bahnen. Seit Wochen hatte der strenge Winter der Elbe eine dicke Eisdecke beschert.¹ Und die Meteorologen würden diesen Winter 1928/29 später einmal als einen der kältesten des Jahrhunderts bezeichnen. Doch nun taute es endlich etwas, und die Eisdecke löste sich in viele Schollenberge auf, die stetig nach Nordwesten drifteten.

1929 war die Elbe in Dresden zugefroren.

Das Abenteuer begann

Deshalb wagte der Fährmeister den Versuch, mit der Helene das gegenüberliegende Schlachthofufer zu erreichen, um den Weg dorthin für die Pieschener endlich wieder zu verkürzen. Einige Burschen am diesseitigen Ufer hatten sich mit speziellen Wärmflaschen gewappnet und ließen den Klaren kreisen, was die Stimmung hob.

Aber so einfach, wie Meister Jakob es sich gedacht hatte, wurde die Überfahrt nicht. Die elfte Stunde war inzwischen erreicht, und Helene hatte den schützenden Hafen noch immer nicht verlassen. Die meisten der Gaffer zog es angesichts zunehmender Langeweile und der langsam unter die Klamotten kriechenden Kälte ins Warme ihrer Wohnungen und zum Sonntagsbraten.

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Den Feuerwehrleuten an Bord wurde es inzwischen auch frostig um die Nase, und in Jakob stieg eine Wut über seine eigene Hilflosigkeit auf. Es gab kein Zurück mehr. Langsam, aber stetig quälte sich Helene aus dem Hafen. Die Eisschollen drückten von Luv und Lee. Das sah ziemlich gefährlich aus, denn das Schiff wurde mit dem Bug voraus des Öfteren auf eine Eisscholle gehievt und saß immer wieder fest. Nach drei Stunden, so gegen zwei Uhr nachmittags, erreichte man endlich das andere Ufer. Applaus gab es von den Leuten auf der Pieschener Seite, deren Zusammensetzung immer wieder wechselte. Der Fährmeister atmete auf.

Doch zu früh gefreut. Aus der Dresdner Richtung schoben sich dicke Eisschollen heran, die aufgrund der wieder sinkenden Temperaturen eine geschlossene Eisdecke zu bilden drohten. Dadurch wurde dem kleinen Dampfer der Rückweg versperrt.²

Trotzdem versuchte Jakob mit immer größerer Verbissenheit, die Helene flott zu machen und zurückzukehren. Das Ergebnis: „Lenchen“ lief auf Grund und drehte ihr Hinterteil schmollend in Richtung Pieschen. Einige alte Weiber sahen darin ein böses Omen.

Das Werk alter Elbgeister?

Es sei ein Racheakt des alten Nix, der die Menschen am Ufer seines Wasserreiches ärgere – alles nur wegen des ungebührlichen Begehrens eines jungen Schäfers. So erzählte es eine der alten Frauen der lauschenden Ansammlung. Vor langer Zeit soll sich dieser Bengel in die Tochter des Nix verliebt haben und wollte sie ehelichen. Das verhinderte der Alte, indem er wutentbrannt im Jähzorn seine Tochter tötete. Im Nachhinein grämte sich der alte Nix so stark, dass er seitdem die Menschen auf seinem Fluss und an den Ufern mit Hoch‑ und Niedrigwasser, mit stürmischen Wogen und eisiger Kälte bedrohe und sich jahrein, jahraus das eine oder andere Opfer hole.

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Die einen lachten das Mütterchen wegen dieses altertümlichen Blödsinns aus, andere genossen die Kurzweil der Erzählung und vergaßen darüber den kalten Wind. Und die jugendlichen Säufer mit ihrem ziemlich hohen Alkoholpegel verspotteten sie wegen dieser abergläubischen Geschichte.

Glück gehabt

Die kleine Besatzung auf der Helene bekam davon nichts mit. Sie hatte jedoch Glück im Unglück. Denn ein Boot von der Altstädter Landungsbrücke kommend ließ sich mit dem Eis zur Unglücksstelle treiben und rettete den Fährmeister samt der drei Feuerwehrleute vor der Kälte der Nacht und vielleicht vor noch Schlimmerem.

Im Laufe des Montags konnte Helene endlich flott gemacht werden und kehrte reumütig und vom Eis etwas lädiert in den Pieschener Hafen zurück. Und Meister Jakob? Der hatte noch lange den Spott der Dresdner auf den Straßen und in seiner Stammkneipe zu ertragen.

Anmerkung des Autors

¹ Festschrift 50 Jahre Bürgerverein Pieschen, 1934
² Dresdner Volkszeitung vom Dresdner Volkszeitung


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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