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Immer die Straße hinauf

Neustadt-Geflüster bei Google bevorzugen

Ich komme mit dem Rad vom Albertplatz her. Hinter mir die beiden Brunnen „Stille Wasser“ und „Stürmische Wogen“. Ein Glanz vergangener Zeiten. Großartig! Links der Plattenbau. Kästner hat seinen Hut noch nicht genommen. Der Anfang der Alaunstraße.

Alaunstraße im Mai - Foto: Archiv Anton Launer
Alaunstraße im Mai – Foto: Archiv Anton Launer

Die Gehwege sind eng. Die vielen Fußgänger müssen einander ausweichen. Unentwegt kommen mir Radfahrer entgegen. Ich sehe zig Menschen, allein und in Gruppen. So viele sind es. Ich sehe Sehnsucht nach Leben. Pizza, Bier, indisch oder vegan? Du musst nur zugreifen! Ein Polizeiauto schräg geparkt. Polizisten sprechen mit Bürgern. Viele Sprachen immer! Schwarzhaarige Männer gemeinsam. Heimat, ein ferner Planet. Sie gehen, sprechen, lachen. Zur Shisha-Bar oder zum Barber? Rechts das Neustadt-Urinal.

Ich sehe Beine stehen und Köpfe angeschnitten. Da fällt mir die Szene aus dem Film „Mein Name ist Nobody“ ein. Terence Hill starrt einem Mann, der ihm in einem Urinal gegenübersteht, so penetrant in die Augen, dass dieser nicht pinkeln kann. Lustig! Reisegruppen marschieren an mir vorüber, die Führer den Schirm erhoben in der Luft.

Alaunstraße Anfang der 1990er - Foto: Archiv Lothar Lange
Alaunstraße Anfang der 1990er – Foto: Archiv Lothar Lange

„Die Häuser da“, sagt ein alter Mann, als ich kurz anhalte. Er hat Sonnenbrille und Hamburg-Basecap auf. „Das waren früher alles graue Fassaden. Tausende Schüsseln und Wannen standen unterm Dach. Da habe ich gewohnt.“ Ich kenne die Geschichte. Das alles hier wäre hinüber gewesen. Die Häuser wurden damals von denen gerettet, die drin wohnten. Manchmal fahren hier fette SUVs vor, dröhnender Bass mit gebräunten Goldkettentypen drin. Immer wieder auch Junggesellinnenabschiede mit seltsamen Outfits. Viele Menschen, aufwärts und abwärts die lange Straße. Man möchte am liebsten alles in Zeitlupe festhalten. Ich sehe und staune.

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Neustadt, das bedeutet heute vor allem, essen zu gehen. Fast überall ist es voll. „Lonely Planet“ war gestern! Damals mega viele Menschen hier. Man wurde förmlich durch die Straße geschoben. Noch heute haben viele die Angewohnheit, die Straße zu kapern und nebeneinander zu laufen. Ich klingele und fahre weiter. An Geschäften vorbei, ich rieche Räucherstäbchen, vorbei an Imbissen und Restaurants.

Alaunstraße um 1900 - zeitgenössische Postkarte
Alaunstraße um 1900 – zeitgenössische Postkarte

Junge Mädchen kichern laut! Italienisches Eis, schräg gegenüber Spirituosen, schon immer dort. Ein Stück weiter: die Scheune, Jugendzentrum, früher das Herz und der einzige Klub. Die Schlange war lang. Wer reinkam, war glücklich. Heute ist dort immer noch Baustelle. Auf dem Platz davor spielen oft Musiker.

Ich kreuze die Louisenstraße. Hier tobte einst der Beat. Bunte Republik Neustadt. 1990, hier die allererste Begegnung mit Techno. Dichter Nebel und ein Sound, irre, fremd und mitreißend. Absolut neu! So etwas hatte hier noch nie ein Mensch gehört.

Alaunstraße Anfang der 1990er Jahre - Foto: Archiv Anton Launer
Alaunstraße Anfang der 1990er Jahre – Foto: Archiv Anton Launer

Früher waren hier alle Häuser bewohnte Ruinen. Sie stützten sich gegenseitig, und es roch im Winter nach Kohle. Früher passierte immer alles drinnen, und heute geschieht alles draußen. Hier gab es damals urige Kneipen: Goldquelle, Alaungarten, Konzert-Klause, Goldenes Hufeisen. In ihnen wurde geraucht, was das Zeug hält. Das Bier und das Essen kosteten nicht viel. Im ganzen Viertel gab es kein einziges Straßencafé, und niemals fand eine Party draußen statt.

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Weiter hinauf. Rechts der Kunsthof und der Sonnenhof. Da gehe ich viel zu selten durch. Schade eigentlich! Dann der Bischofsweg. Und da ist er auch schon, der Alaunpark, die große grüne Insel der Seligen. Entspannung für alle! Auf diesem Exerzierplatz übten einst Soldaten das Marschieren. Alles lange her. In der DDR war es verboten, den Rasen zu betreten oder sich darauf zu setzen – 40 Jahre lang. Wie erstaunt war ich, als ich die Ersten dort sitzen sah und kein Volkspolizist sie verscheuchte. Auch das ist lange her. Heute hier: wunderbare Welt, offener Himmel.

Als der Alaunplatz noch Platz der Thälmannpioniere hieß - Foto: Archiv Lothar Lange
Als der Alaunplatz noch Platz der Thälmannpioniere hieß – Foto: Archiv Lothar Lange

Ein Gastbeitrag von Stefan Birkefeld. Er ist Autor und Gründer des Dresdner Lesetheaterprojektes.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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