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Kunst auf Kommando? NVA-Werke im Militärhistorischen Museum

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Was geschieht, wenn Kunst auf politische Erwartungen trifft? Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr zeigt ab Freitag, 9. Oktober, erstmals im größeren Stil, was die Nationale Volksarmee der DDR an Gemälden, Grafiken und Plastiken hinterlassen hat. „Kunst auf Kommando?“ heißt die Schau, und das Fragezeichen ist Programm.

Kuratorin Katja Protte. Foto: Anton Launer
Kuratorin Katja Protte. Foto: Anton Launer

Die Ausstellung läuft bis zum 31. August 2027. Zu sehen sind mehr als 200 Werke von rund 100 Künstlerinnen und Künstlern, im Haus und auch draußen. Dazu kommen Dokumente, Filmmaterial und Zeitzeugeninterviews, die den historischen Rahmen liefern.

Ein Bestand, der noch wächst

Die Grundlage ist eine Sammlung, die nach der Auflösung der NVA 1990 in den Besitz der Bundeswehr überging. Kuratorin Katja Protte beschrieb sie beim Presserundgang als heterogen: Sie reicht von der Nachkriegszeit bis zur Friedlichen Revolution, enthält auch Laienkunst und ist noch nicht abgeschlossen. Hinzu kommen jüngere Ankäufe von Arbeiten, die jenseits der offiziellen DDR-Kunstpolitik entstanden sind, sowie einzelne Leihgaben.

Unter den vertretenen Künstler*innen finden sich einige der bekanntesten Namen der DDR-Kunst: Werner Tübke, Willi Sitte, Bernhard Heisig, Fritz Cremer und Evelyn Richter. Der Rundgang folgt grob der Chronologie, setzt aber thematische Schwerpunkte, etwa die Grenze oder die „Waffenbrüderschaft“ mit der Sowjetarmee. Dass die meisten Werke von Männern stammen, verwundert angesichts der männlich geprägten Militärwelt kaum.

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Warum ausgerechnet diese Ausstellung?

Museumsdirektor Rudolf J. Schlaffer machte keinen Hehl daraus, dass die Frage naheliegt, und beantwortete sie mit einem Blick in die Geschichte. Schon Fürsten nutzten Bildergalerien, um ihre Macht darzustellen. Als Beispiel nannte er die Galerie des Batailles in Versailles. Dass Herrschaft sich Kunst dienstbar macht, ist also keine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Auch Diktaturen nutzten Kunst für ihre Zwecke, im Fall der NVA zur Steigerung der Kampfkraft im „Krieg für den Frieden“. Die Schau stehe im Gesamtverbund aller Ausstellungen des Hauses, so Schlaffer. Und die Frage, ob Kunst überhaupt in ein Militärmuseum passe, beantwortete Gerhard Bauer, Mitherausgeber des Katalogs, knapp mit „Ja!“

So sah sich die NVA gern: ein starker Sozialismus für einen sicheren Frieden. Foto: Anton Launer
So sah sich die NVA gern: ein starker Sozialismus für einen sicheren Frieden. Foto: Anton Launer

Der politische Soldat

Die SED verlangte von den Kunstschaffenden Bilder, die Loyalität und Wehrbereitschaft stärken sollten. Mit der Einführung der Wehrpflicht 1962 rückte der Militärdienst in den Alltag fast jeder Familie und damit auch in die Kunst. Ab den 1960er-Jahren trat die NVA selbst als Auftraggeberin auf. Der „politische Soldat“ war Teil einer militarisierten Gesellschaft. Auch „sozialistische Soldatenpersönlichkeiten“ wie Sigmund Jähn und Waleri Bykowski gehörten zum Bildprogramm.

Raumfahrer-Duo: Waleri Bykowski und Sigmund Jähn. Foto: Anton Launer
Raumfahrer-Duo: Waleri Bykowski und Sigmund Jähn. Foto: Anton Launer

Doch wie viel Freiheit blieb den Künstler*innen? Konnten sie eigene Vorstellungen verwirklichen, oder mussten sie liefern, was bestellt war? Dem geht die Ausstellung immer wieder nach.

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Was man sehen sollte

Gleich am Eingang hängt Horst Sakulowskis „Die Verantwortung“ von 1984: ein Soldat ohne erkennbares Gesicht, mit nacktem Oberkörper auf einer Mauer, die Hand auf eine zerschossene Zielscheibe gestützt. Das Bild war 1988 der offizielle DDR-Beitrag zur Biennale in Venedig und lässt sich nicht eindeutig lesen. Das brachte ihm damals Kritik ein und macht heute seinen Reiz aus.

Draußen stehen Großplastiken von Gerhard Thieme. Sein „Mot.-Schütze“ von 1976 trägt zwar ein aufgepflanztes Bajonett, liegt aber aus statischen Gründen am Boden, was die Bedrohlichkeit deutlich mindert. „Mechaniker“ und „Pilot“ vom selben Künstler stehen vor einer MiG-21. Daneben zeigt Charlotte Sommer-Landgrafs „Verabschiedung – Wiederbegegnung“ ein sich umarmendes Paar.

Der Außenbereich ist den Skulpturen vorbehalten. Hier Soldaten zwischen den Panzern. Foto: Anton Launer
Der Außenbereich ist den Skulpturen vorbehalten. Hier Soldaten zwischen den Panzern. Foto: Anton Launer
Der Mot.-Schütze liegt lieber, als dass er steht. Foto: Anton Launer
Der Mot.-Schütze liegt lieber, als dass er steht. Foto: Anton Launer

Im Libeskind-Keil hängt Gerda Lepkes Doppelporträt zweier Unteroffiziere, auf dem die Gesichter fast unter den Uniformmützen verschwinden. Doris Ziegler malte mit „Schützenswertes“ eine Kleingartensiedlung, die an eine Militäranlage grenzt. Und Brigida Böttcher zeigt ein Paar auf einem Balkon in Leipzig-Gohlis: Sie sitzt nackt vor ihrer Kaffeetasse, er trägt das Trikot des ASK Vorwärts Frankfurt (Oder) und hat die „Armeerundschau“ in der Hand.

Auch die prominenten Namen sind mit sehr unterschiedlichen Arbeiten vertreten. Willi Sitte zeigt den Schrecken der Napoleonischen Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig. Bernhard Heisigs drei Bilder hängen wie ein Triptychon, eines davon zeigt seinen Sohn Walter in NVA-Uniform. Arno Rinks Diplombild „Das Lied vom Oktober“ von 1967 stellt Lenin in den Mittelpunkt.

Patrouillenboot. Foto: Anton Launer
Patrouillenboot. Foto: Anton Launer

Werner Tübkes „Nationalkomitee Freies Deutschland“ aus dem Jahr 1970 zeigt Walter Ulbricht als Agitator und sollte 1972 zur Neueröffnung des Armeemuseums Dresden präsentiert werden. Doch Ulbricht war inzwischen politisch abgeschrieben. Tübke sollte das Gemälde übermalen, weigerte sich aber. Wie Katja Protte erzählte, kam er damit durch, auch weil seine Reputation inzwischen über die DDR hinausreichte.

Zwischen den Zeilen lesen

Gerade die Handlungsspielräume zwischen Kunst, Staat und Militär will Kuratorin Katja Protte zeigen. Johannes Hanskys „Auf Posten“ zeigt einen Soldaten mit Fernglas in einem Grün, das an Nachtsichtgeräte erinnert. Der Betrachter fühlt sich dabei selbst beobachtet.

Dunkler wird es bei Hubertus Giebe, der einen jungen Mann porträtierte, der sich während seines Wehrdienstes das Leben nahm. Peter Herrmanns „Der ewige Soldat“ mit bandagiertem Kopf entstand kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Beide Werke wurden erst lange nach der Wende zugekauft und gehörten nicht zum ursprünglichen NVA-Bestand.

Es gibt auch Lichteres: Hans Tichas „Spielmänner“ von 1980 ist zum Schaubild der Ausstellung geworden. Mathias Hansen zeigt einen „Träumenden Soldaten“ und einen „Alpträumenden Kommandanten“. Wilfried Falkenthals „Mein Freund Ulli“ von 1980 zeigt einen Gefreiten vor dem ausgeräumten Spind, kurz vor der Entlassung. Die Szene dürfte vielen ehemaligen NVA-Soldaten vertraut sein. Wer mag, kann an einer Station per Quiz testen, ob er Bild und Titel zusammenbekommt.

Mit einem elektronischen Quiz kann man testen, ob man Bild und Bildtitel zusammenbekommt. Foto: Anton Launer
Mit einem elektronischen Quiz kann man testen, ob man Bild und Bildtitel zusammenbekommt. Foto: Anton Launer

Das letzte Projekt: die East Side Gallery

Am Ende des Rundgangs hängen ein paar Fotos, die man in einer NVA-Ausstellung nicht sofort erwartet: Aufnahmen der East Side Gallery in Berlin. Für Katja Protte ist das der Schlusspunkt, denn es sei das letzte künstlerische Projekt der NVA gewesen. Die Grenztruppen waren für die Mauer zuständig und ließen zu, dass im November 1989 der West-Berliner David Monty und die Ost-Berlinerin Heike Stephan das Projekt anstießen.

Die Armee, die jahrzehntelang Bilder zur Stärkung der Wehrbereitschaft bestellt hatte, gab am Ende das Feld frei, sodass ihre einst tödliche Grenze selbst zur Leinwand wurde.

Die Ausstellung im Überblick

„Kunst auf Kommando? Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR“, 9. Oktober 2026 bis 31. August 2027, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr Dresden. Geöffnet täglich außer Mittwoch von 10 bis 18 Uhr, montags von 10 bis 21 Uhr. Mehr Infos unter www.mhmbw.de.

Zur Ausstellung erscheint bei Sandstein Kultur ein Katalog mit 384 Seiten und 371 meist farbigen Abbildungen (Hrsg. Gerhard Bauer, Katja Protte, Rudolf J. Schlaffer, ISBN 978-3-95498-947-8). Im Buchhandel kostet er 48 Euro, in der Ausstellung bis 31. August 2027 gibt es ihn für 38 Euro. Bestellen kann man ihn auch direkt beim Verlag.

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