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Der Untergang ist nah

Die Neustadt ist bekanntlich auf Sand gebaut. Im Mittelalter trug das Viertel schlicht den Namen „Der Sand“. Dass es hier mit dem Untergrund – nicht nur dem unter der Straße – bekanntermaßen problematisch ist, erlebt man immer wieder. Mal öffnen sich irgendwo neue Schlaglöcher, mal geraten Bordsteine in Schieflage, und gelegentlich scheint selbst das Pflaster kurz darüber nachzudenken, ob es nicht lieber eigene Wege gehen möchte.

Einsam warnt die Bake auf der Louisenstraße - Foto: Anton Launer
Einsam warnt die Bake auf der Louisenstraße – Foto: Anton Launer

Der neueste Beweis findet sich unmittelbar an der Schiefen Ecke. Dort soll eine einsame Warnbake verhindern, dass Lastenradler oder Autofahrerinnen im Grobpflaster versacken. Wobei „aufgestellt“ die Situation nur unzureichend beschreibt: Die Bake steht nicht neben der Gefahrenstelle, sondern bereits mitten in ihr. Ihr schwerer Kunststofffuß hat sich sichtbar zwischen die Steine gearbeitet, als hätte selbst die Warnung den Glauben an festen Untergrund verloren.

Denn unter der Warnung geht es abwärts. Einige Pflastersteine scheinen bereits den Rückzug anzutreten, noch bevor die neuen Pflanzkübel auf der anderen Straßenseite überhaupt aufgestellt wurden. Zwischen den Steinen verlaufen kleine Verwerfungen, als probe die Neustadt vorsichtig den Kontinentaldrift im Kleinformat. Wer dort entlangläuft, bekommt zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, wie tektonische Prozesse wirken könnten, wenn sie vom kommunalen Tiefbauamt begleitet würden.

Die Warnbake ist selbst von der Versackung bedroht - Foto: Anton Launer
Die Warnbake ist selbst von der Versackung bedroht – Foto: Anton Launer

Dabei bleibt die Umgebung bemerkenswert unbeeindruckt. Die Gründerzeitfassaden haben Kaiserreich, Bombenkrieg und Plattenbauära überlebt – ein paar absackende Pflastersteine dürften sie kaum aus der Fassung bringen. Die Straßenbahn rattert durch, das Schlingern auf den Schienen längst zur Normalität erklärt, und die Café-Gäste draußen sitzen so selbstverständlich über dem labilen Untergrund, dass man ihnen eine bewusste Platzwahl zutrauen möchte. Nur die Steine selbst arbeiten still und zielstrebig weiter an ihrer Tieferlegung – unbeirrt, fast professionell.

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Früher™ reagierte die Stadtverwaltung auf solche pflasterartigen Untergrundbewegungen deutlich rigider und sperrte im Fall des Falles ganze Straßenhälften ab. Wo heute eine einzelne Bake vor sich hin warnt, standen einst meterweise Absperrgitter, gern ergänzt durch rot-weißes Flatterband und den dezenten Hinweis, den Bereich möglichst großräumig zu meiden. Aber nun: Eine Warnbake muss reichen. Vielleicht auch deshalb, weil längst nicht mehr klar ist, ob hier noch gesichert wird oder das Pflaster bereits offiziell seinen natürlichen Aggregatzustand erreicht hat.

Legt sich der Fußweg auf der Görlitzer selber tiefer? Foto: Anton Launer
Legt sich der Fußweg auf der Görlitzer selber tiefer? Foto: Anton Launer

Ob die Schiefe Ecke damit ein stilles Signal gegen die geplante Diagonal-Ampel setzen will oder die Steine im Untergrund längst eine Versammlung planen, um bei der Umgestaltung der Louisenstraße endlich mitzureden – das bleibt aktuell unklar. Der Autor dieser Zeilen machte sich sogar persönlich an die Recherche, kniete nieder und hielt das Ohr an die Masse. Doch die Steinchen blieben stumm. Vielleicht aus Protest. Vielleicht aber auch, weil sie inzwischen bereits tiefer lagen, als vernünftige Kommunikation noch möglich macht.

Ein Blick ins Pflasterloch - Foto: Anton Launer
Ein Blick ins Pflasterloch – Foto: Anton Launer

11 Kommentare

  1. Dieser herrliche Text versüßt mir meinen Morgen sehr – danke dafür!
    Beim Lesen erinnerte ich das Gedicht von Joachim Ringelnatz:
    Ein Pflasterstein, der war einmal
    Und wurde viel beschritten.
    Er schrie: »Ich bin ein Mineral
    Und muß mir ein für allemal
    Dergleichen streng verbitten!«

    Jedoch den Menschen fiel’s nicht ein,
    Mit ihm sich zu befassen,
    Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein
    Und muß sich treten lassen.

    Liebe Grüße an den Autor

  2. Da könnten wir der Redaktion noch ein paar Beispiel mehr zeigen, was Absacken angeht. Der Grund, warum immer wieder, auch gerne mal bei diesen massiven Gehwegplatten, die Schwerkraft zuschlägt ist genauso einfach wie beunruhigend. Wir haben mal Mitarbeiter der Strassenbaubehörde gefragt als diese eine Stolperfalle beseitigt haben, was da eigentlich passiert ist. Darunter befinden sich Rattengänge. Nix Tektonik. Schön wär es ja……

  3. Ich erinner mich vorallem an den selbstlos hochgerutschten Pflasterstein direkt vorm Haltestellenschild Görlitzer / Hol-Fix an dem ich mir mindestens 20 mal laut fluchend den kleinen Zeh zerrammelt hab. Die Neustadt gibt – die Neustadt nimmt.

  4. Leitbaken, nicht Warnbaken. Hält sich im Volksmund wie die falsche Verwendung von Besitz und Eigentum.

  5. Apropos Baustelle, wielange sollen eigentlich noch die übriggebliebenen Gewegplatten(teile) von der vor Monaten abgeschlossenen Glasfaserbaustelle Alaun/Bautzner rumliegen? Immerhin hat man schon das Loch verfüllt, dass da nach Abschluss noch Tage/Wochen ungesichert im Boden war.

  6. Hallo,
    da macht einen das „Zeitung lesen“ (ich weiß, es ist ein Online Artikel) ja direkt wieder Spaß. :)

    Herr Launer, wollten Sie mal etwas neues probieren oder wie kam der Text zustande?
    Gern mehr in dieser Art :)

    LG

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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