Es war Gründonnerstag und dazu noch der 1. April des Jahres 1926. Pünktlich um 8 Uhr morgens öffnete Selma Schulze, die schon zum Inventar gehörende Fischmamsel, wie sie in der Hechtstraße genannt wurde, die Verkaufsstelle von Fischhändler Ewald Paschky. Ihre junge Kollegin Anna Schlegel füllte die Wasserbecken mit lebenden Heringen, Saiblingen, einigen Karpfen und Forellen. Auf Eis lagen schon Kabeljaufilet und Seelachs aus Norwegen sowie einige Schollen, Heilbutt und Flundern von der Nordsee. In der Billigsparte waren Flussbarsche und Salzheringe im Angebot.

Der Gründonnerstag war gewissermaßen ein Großkampftag in der Branche. Denn der morgige Karfreitag sei bei vielen Familien immer noch ein kirchlicher Fastentag. Da kamen weder Rinderbraten noch Hühnerfrikassee auf den Tisch. Gefastet wurde beim Essen und im Liebesleben. Aber nicht bei Klatsch und Tratsch.
Fisch schafft Abstand
Selma Schulze hatte noch nicht einmal den Schlüssel von der Eingangstür abgezogen, als diese energisch aufgestoßen wurde. Diese Wucht ließ die Schulze nach hinten in Richtung des Heringsfasses fallen. Beinahe wäre selbiges umgekippt. Mit ihrer rechten Hand konnte sie ein Umstürzen gerade noch verhindern. Dennoch schwappte etwas von der Fischbrühe, in der die Fische eingelegt waren, auf ihre rechte Seite. Machte nichts. Sie stank sowieso nach Fisch und aufgrund ihrer langjährigen Arbeit im Laden würde sie trotz akribischer Körper- und Wäschereinigung und der Nutzung verschiedenster Duftwässerchen diesen Geruch nie loswerden. Auch stundenlanges Baden half nichts.
Die Folge war, dass die Mannsbilder sie zwar wegen ihrer Schönheit von Weitem angafften, aber beim Näherkommen die Tätigkeit von Selma erriechen konnten und eilig die Straßenseite wechselten. Und so war sie seit vielen Jahren eine Jungfrau geblieben.
Fisch schafft Unabhängigkeit
Ihre Mutter tröstete sie damit, dass sie einen Beruf habe, den nur wenige machen würden und der darum eine relative Sicherheit und Unabhängigkeit bot. Deshalb ließ sie Selma beim Fischhändler Paschky in die Lehre gehen. Sie verdiente ihr eigenes Geld und konnte sich sogar eine kleine Wohnung leisten. Das sei wichtiger, als sich an einen Mann zu hängen, von dessen Einkommen man lebenslang abhängig sei. Mama könne ein Lied davon singen und war insgeheim froh, dass der Große Krieg 1914/18 ihren Gatten dahinraffte.
Und noch einen Punkt dürfe Selma nicht vergessen. Der Fischgeruch schütze sie auch vor etwaigen Zudringlichkeiten lüsterner Männer. Und wenn doch mal einer nicht von ihr lassen wollte, weil er vielleicht selbst ein Elbfischer sei oder in ähnlichen Geschäften arbeite, dann wäre das ein sicheres Zeichen, dass er sie trotz ihres oder auch seines Gestanks nahm oder dass sein Geruchssinn gestört sei. Aber Letzteres kam noch seltener vor als Ersteres.
Was für Zwischendurch
Ins Geschäft trat Marie Mildner, die Witwe aus dem zweiten Stock. Die sich gerade vom Boden aufrappelnde und ihre Schürze richtende Selma interessierte sie nicht. Maries Frust des jahrelangen Alleinseins als Witwe überdeckte sie mit einem zunehmend mürrischen Umgang mit ihren Nachbarn. An der Verkaufstheke schnupperte sie, räusperte sich und murmelte etwas Unverständliches in ihren, in Ansätzen bestehenden, Damenbart.
Während Selma in den Zubereitungsraum ging, um die frisch zubereiteten Rollmöpse zu holen, fragte die noch nicht einmal zwanzigjährige Anna Schlegel etwas unterwürfig die Witwe nach ihrem Begehr.
„Fisch natürlich“, antwortete diese ungehalten. „Wenn ich Kuchen wollte, wäre ich zum Bäcker gegangen. Mein Gott, natürlich will ich Fisch für Karfreitag. Ist schließlich der Endpunkt der Fastenzeit. Also Anna, schneide mir ein kleines Stück vom Heilbutt ab. Und zupfe ja die Gräten raus. Ich will schließlich nicht mit dem Herrn Jesus gekreuzigt werden und zur Freude im Viertel mit diesem gen Himmel fahren. Und dann brauche ich noch etwas von dem Häckerle.“
Währenddessen kam die Blumenmaid Waltraud Pönitz aus der Nr. 24 gegenüber in den Laden. Marie Mildner schnupperte wieder. „Hast wohl heute in Tulpen gebadet. Riechst wie ein Riesenbukett aus deinem Laden.“
„Danke, liebste Frau Mildner“, säuselte Waltraud und flüsterte naserümpfend, dass die Mildner auch mal etwas von irgendeinem blumigen Parfüm nehmen könnte. Schließlich sei sie keine Arme. Daraufhin drehte sich die Witwe entrüstet weg, nahm ihre bestellte Ware, zahlte und verließ echauffiert den Laden.

Ran an die Möpse
Herein kam Charlotte Wurth aus dem Korsettgeschäft nebenan in der Nr. 29. Und Selma kam nach vorn und stellte die frisch zubereiteten Rollmöpse in die Auslage.
„Davon nehme ich acht Stück“, sagte die Blumenmaid und zeigte auf diese. Und Charlotte sah auf den Teller und rief, dass sie den Rest nehme. Es waren zwar noch mehr als zwanzig Stück darauf, aber sie meinte, dass sie Gäste bekomme. Die Rollmöpse wären die besten Alkoholsenker für die Freunde ihres Mannes, die heute Abend Skat im Wohnzimmer spielten.
Selma verdrehte die Augen. Gerade war sie mit den Möpsen fertig geworden. Da sie keine Lust hatte, schon wieder von der Verkaufstheke zu verschwinden und den Tratsch der Nachbarinnen zu verpassen, schickte sie die junge Anna nach hinten mit dem Auftrag, mindestens vierzig Rollmöpse zu wickeln.
Das ewige Thema: Der Mann
Dann bahnte sich ein Thema seinen Weg an die Verkaufstheke. Charlotte sprach zur unverheirateten Selma, dass die Männer für sie selbst wie Haustiere seien.1

„Richtig“, meinte die Blumenmaid Waltraud. „Solange die jung sind, so bis zu den Dreißigern, treten sie meist in Rudeln auf. Gemeinsam besuchen sie oft ihre Trink- und Futterplätze, genannt Stammtische.“
„Richtig“, erwiderte Gertrud. „In dem Alter gebärden sie sich noch widerspenstig, aber der Fang und ihre Zucht sind dafür kinderleicht“, grinste sie.
„Na, so leicht sind sie auch nicht zu fangen“, grätschte Selma dazwischen. „Sonst hätte ich bei meinem Aussehen an jeder Hand ein Dutzend.“ Was Waltraud beinahe einen Lachkrampf bescherte, der in einem Hustenvorfall endete. Dafür erhielt sie einen bösen Blick von Charlotte. Diese versuchte, eine verbale Auseinandersetzung der beiden Frauen zu unterbinden.
„Waltraud, mäßige dich. Der Herrgott hat es nicht jeder vergönnt, ein Mannsbild in seine Arme zu lancieren. Und wer weiß“, und blickte dabei Selma direkt an, „was einem für Ärger erspart bliebe.“ Das milderte deren sich langsam verhärtenden Gesichtsausdruck.
Mittel zur Behandlung der Männer
Die beiden Damen bemerkten in ihrer hitzigen Diskussion das erneute Schellen der Eingangstürglocke nicht. Herein trat Martha Knebel, die Tischlergattin aus der Hechtstraße 26. Diese schnappte die letzten Wortschwaden der Damen auf.
Gertrud Seyrich aus der dritten Etage in der Nr. 24 hatte zunächst zugehört, um Zugang zum Thema zu finden.
Martha fuhr fort: „Mit Vorsicht meinte ich, dass Rückfälle in die jugendliche Wildheit der Männer nicht ausgeschlossen sind.“
Die beste artgerechte Haltung
Und Waltraud bemerkte süffisant mit Blick auf die ältere Gertrud und aus eigener Erfahrung, dass es jungen, unerfahrenen Damen oft gelungen sei, in kurzer Zeit ältere männliche Exemplare zum Schoßhündchen mutieren zu lassen. Und die besten Mittel dafür seien zum einen eine liebevolle Behandlung und zum anderen gutes Essen. Darüber grinste Gertrud im Wissen um den zwanzig Jahre älteren, gutsituierten Gatten der Blumenmaid, der seiner Frau Waltraud ein Blumengeschäft als Zeitvertreib eingerichtet hatte.
„Ich mag keine Schoßhündchen, die auf Pfiff reagieren und hinter einem herdackeln. Ich brauche und habe noch einen richtigen Mann“, widersprach Gertrud und stampfte mit ihrem rechten Fuß auf die Bodenkacheln. Die beste Haltungsweise der Gatten sei es, fuhr Gertrud fort, diesen stets das Gefühl zu geben, dass sie die Hosen im Hause anhätten, auch wenn sie in Wahrheit untenrum nackt seien – bildlich gesehen. Das brächte ihnen viel Freude, entspanne das Eheleben und koste nichts. „Also, füttere deine Bestie, liebe Waltraud.“
Martha Knebel, die Tischlermeistergattin, erzählte aus ihrem Erfahrungsschatz, „dass die Männlichkeiten noch so zahm daherkommen mögen. Irgendwann ist das Feuer im Ofen nur noch ein Glutrest unter einem Haufen Asche. Wenn dann das Essen nicht schmeckt, drohen sie mit ihrer Mutter, die sie herholen würden. So manches Essen fand sich an der Wand und der Teller zerbrochen am Boden. Das habe ich des Öfteren im Haus gehört. Es gilt die Erfahrung, dass die Männer mit den Jahren mehr Wert auf gutes Essen legen als auf ihre Ehefrauen.“
Füttert die Bestie
Das bestätigte sogar Selma. „Ich habe Dutzende Male hier im Laden gehört, dass Männer als Feinschmecker eigentlich Trottel seien, aber dem muss ich nach wiederum Dutzenden Gesprächen widersprechen. Feinschmecker sind die geistreichsten Männer, die es gibt. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. Die Allesesser mögen vielleicht handzahm sein, liebe Waltraud, aber interessante Männer sind sie nicht.“
„Und ein guter Tropfen ist dabei nicht zu verachten. Gerade jetzt zu Ostern. Nicht umsonst findet man die besten Weinkenner unter Männern. Mein Motto ist und bleibt: Füttert die Bestie“, bemerkte Gertrud mit erhobenem Zeigefinger unter dem Lachen der anderen.
Wieder öffnete sich die Tür und herein kamen drei weitere Frauen. Von hinten brachte Anna eine große Platte mit den frisch gewickelten Rollmöpsen. Und Selma musste sich sputen, die Wünsche der Damen nach Hering, Karpfen, Heilbutt, Häckerle und Rollmöpsen für Karfreitag zu erfüllen. Der Gründonnerstag sei schließlich der Großkampftag im Fischladen.
Anmerkungen
1 Dresdner Nachrichten vom 24. März 1926
Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

















