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17 Hippies am 21. Februar in Dresden, Alter Schlachthof

Kurze Wege und lange Schlangen

Es gibt Tage, da bin ich richtig froh, in der Neustadt zu wohnen. Wenn ich aus dem Haus trete und weiß: Heute bleibt das Auto stehen, ich gehe zu Fuß. Vormittags durch die Neustadt zu schlendern, hebt die Stimmung. Ich gehe vorbei an den langen Autoschlangen auf der Rothenburger Straße. Die Abgase nehme ich locker in Kauf. Ein Lächeln huscht mir über das Gesicht – überlegen bin ich doch. Meine Füße berühren kaum den Boden, und im Angesicht dieses Glücks verweile ich, zweifle an der Mobilität. Wahnsinn ohnegleichen.

Lebensmittel Otto auf der Schönfelder Straße - Foto: Archiv Anton Launer
Lebensmittel Otto auf der Schönfelder Straße – Foto: Archiv Anton Launer

Ich wende mich um und staune. Riesige Schuhe – nein, einer nur – steht auf einem Balkon. Wirbt er, wofür? Ah, fürs Calzador. Auf der Böhmischen Straße steht Thomas vor seinem Schuhladen „Lace Up“. Neue Treter bräuchte ich auch einmal. Dann ein Ruck, lautes Klingeln. Es ist nicht gut, auf den Schienen zu stehen. Weiter muss ich, denn die Wolken ziehen mir vors Gesicht. Mit lautem Tatütata umkreist mich die Polizei – scheinbar. Ich verlasse das Treiben, biege in die Böhmische Straße und gleich in den Hinterhof, Richtung Nordbad. Entspannung breitet sich aus. Gedanken ziehen durch meinen Schädel.

Noch schnell Kaffee kaufen – eigentlich könnte ich Otto mal wieder besuchen. Günter Otto, auf der Schönfelder Straße, immerhin einer der ältesten Lebensmittelläden der Stadt. Otto strahlt, wie immer. Einer der Ruhepunkte dieses Viertels, das pulsiert und hämmert, kreischt und bunt sein will. Bunt wie die Bettler auf der Alaunstraße, „Haste mal paar Groschen“ – auch Punker werden bescheidener. Vor dem Basar, in der Louisenstraße, sehe ich Petra, die liest, wie immer, und bestaunt die Autos, die am liebsten ineinander kriechen würden. Der kürzeste Weg ist immer noch zu Fuß.

Hallo und schönen Tag. Ich ziehe meine Runden. Ein Päuschen? „Herr Rosso und sein Hund“ lockt mit Espresso und dem genüsslichen Blick auf die Straße. Gegenüber beobachtet ein alter Mann das Geschehen. Ein Kissen auf dem Fensterbrett, für die Gemütlichkeit. Heimwärts treibt es mich. In drei Minuten bin ich da. Nichts zu suchen – das war mein Sinn.

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Anmerkung 2010

Hat sich erledigt mit den kurzen Wegen, der Launer ist aus der Neustadt ausgezogen.

Anmerkungen 2012:

Die Neustadt wandelt sich. Aus Günter Ottos Lebensmittelladen ist jetzt ein Schwangeren-Beratungsstudio namens „Lebensmitte“ geworden. (Neustadt-Geflüster vom 17. Dezember 2008). Im Basar werden seit geraumer Zeit unter dem Namen „Tranquillo“ Klamotten verkauft (Neustadt-Geflüster vom 16. Januar 2002). „Herr Rosso und sein Hund“ ist jetzt zum Kulturschutzgebiet geworden (Neustadt-Geflüster vom 14. Dezember 2004). Aber den Schuhladen mit dem riesigen Treter gibt es aber immer noch und auch Thomas verkauft auf der Böhmischen noch selbige.

Anmerkung 2014:

Thomas verkauft Schuhe nur noch im Internet. Siehe Neustadt-Geflüster vom 29. Januar 2013.

Anmerkungen 2022:

Die „Lebensmitte“ ist ins Hechtviertel umgezogen. Aus dem alten Lebensmittelladen ist nun eine Wohnung für Herrn Otto geworden. Die schmucken Werbetafeln hängen immer noch am Haus. Und das Tranquillo ist aus dem kleinen Lädchen auf der Louisenstraße ausgezogen. Aktuell wird ein neuer Mieter gesucht.

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Anmerkung 2024

In das kleine Lädchen auf der Louisenstraße ist ein Späti eingezogen.

Anmerkung 2025

In dem ehemaligen Schuhladen auf der Böhmischen gibt’s jetzt ein Studio ohne Fotografen, zwischenzeitlich wurden hier mal Räder verkauft und auch Kaffee.

Keine Lebensmittel, keine Schwangerenberatung mehr.
Keine Lebensmittel, keine Schwangerenberatung mehr.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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