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Adele von Mücken überfallen

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Die Tür zum Narrenhäusel wurde energisch aufgestoßen und Adele Lampel, die Schauspielerin vom Alberttheater, fegte wie ein Wirbelwind in das Lokal und knallte mit der rechten Ferse die Eingangstür hinter sich zu. Kellnerlehrling Leopold, genannt Leo, sauste auf die Diva zu.

Narrenhäus'l an der Augustusbrücke - zeitgenössische Postkarte - gefunden auf www.altesdresden.de
Narrenhäus’l an der Augustusbrücke – zeitgenössische Postkarte – gefunden auf www.altesdresden.de

„Frau Adele, Sie sind ja völlig außer sich und dabei auch noch zu früh“, rief er ihr zu.

„Ach mein lieber Leo, die Mücken fressen einen bei lebendigem Leib auf. Ich hab kaum noch Blut in meinen Adern“1 und reichte dabei dem Leo ihren Sommermantel. Das noch nicht vollzählig im Lokal sitzende Publikum war zunächst ebenfalls überrascht, und zwar so, dass es nicht einmal die Garderobe der Diva ausgiebig betrachten konnte. Aber wegen der Mücken verzichtete Adele nicht auf ihren großen Auftritt. „Geleite mich zu unserem Tisch, mein Gutster. Ich nehme an, dass meine Freundinnen bald eintreffen werden.“

Dresdner Neueste Nachrichten vom 14. August 1926
Dresdner Neueste Nachrichten vom 14. August 1926

Ihren rechten Arm legte sie elegant auf den linken vom Leopold und grüßte dabei nach links und rechts. Beifall brandete auf, einige Herren erhoben sich von ihren Plätzen. Adele fühlte sich wie bei einer Premiere im Theater. Dazu passte die Hintergrundmusik vom Klavierspieler Richard Stelzer, wodurch der Weg der Adele zum Kränzchentisch einem Defilee glich.

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Das Kränzchen füllte sich

Und wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür und die drei Damen Martha Kruska, Erna Schwuppke und Frieda Lempke traten ins Narrenhäusel, wobei besonders Martha mit einer Zeitung die Mücken, die sie umkreisten, verscheuchte und einige auf dem linken Arm auch ins Jenseits beförderte. Alle drei waren erstaunt, dass an diesem Nachmittag des 14. August 1926 ihre Freundin Adele entgegen ihren Gepflogenheiten bereits am Tisch saß.

„Adele, du bist schon da? Ist was passiert? Musstest du fluchtartig wegen einiger aufdringlicher Verehrer das Theater verlassen?“, rief Frieda, die Schneiderin aus der Königstraße, zuerst erstaunt und dann ironisch aus.

„Ach meine Lieben“, seufzte Adele. „Wären es nur meine Verehrer, dann hätte ich die schnell im Griff. Nein, es waren diese kleinen Biester, Mücken genannt, die mir meinen Weg vom Albertplatz über die Hauptstraße ins Narrenhäusel versauten.“

„Arme Adele“, bemerkte Martha Kruska niedergeschlagen. „Auch auf mich haben es die Viecher abgesehen. Aber das lasse ich mir nicht gefallen“ und beförderte mit der Zeitung zwei von ihnen ins Jenseits.

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Die Mückenplage

Nun mischte sich die Hoteliersgattin Frieda Lempke ein. „Also meine lieben Opfer des Überfalls der Stechmücken. Diese biblische Plage suchte sich ihre Opfer und fand sie auch, nämlich in euch. Mich haben sie verschont.“

„Typisch“, bemerkte Adele mit wütendem Blick sarkastisch. „Dein Blut ist denen zu gewöhnlich.“

Als Kellner Ewald, genannt Waldi, das verbiesterte Gesicht von Adele sah und einen bösen Streit heraufziehen spürte, schnappte er sich das Tablett mit den vier Sektgläsern und klärte die Runde auf. „In diesem Sommer spielt das Wetter wieder mal verrückt, meine Damen. Nach diesen regennassen Wochen mit den Überschwemmungen hierzulande ist das weder ein Wunder noch eine biblische Plage. Wir konnten unseren Sommergarten kaum nutzen und die untere Etage wurde durch die Elbe auch überflutet. Und als sich das Wasser dann endlich zurückzog, verwandelten sich die feuchten Schlammgebiete in Brutstätten der Mücken. Und die brauchen Nahrung. Hier in der Stadt fanden sie ihre Opfer.2 So einfach ist das. Also meine Damen, unser Haus entschädigt Sie mit einem Glas unseres besten Sekts. Sehr zum Wohl.“ Und dann gab er dem Leo ein Zeichen, dass dieser Adele für ein Couplet zum Klavier führen möge.

Dresdner Nachrichten vom 14. August 1926
Dresdner Nachrichten vom 14. August 1926

Versteckte Geheimnisse

Als Leo zu Adele trat, war die Strenge aus ihrem Gesicht verflogen und wich einem Strahlen beim Anblick vom Kellnerlehrling. „Mein lieber Leo, du bist eine wahre Augenweide. Ich habe den Eindruck, dass du jedes Mal schöner wirst. Und dein Oberlippenbart mauserte sich von einem zarten Flaum zu einem echten englischen Schnauzer“, was den Leo etwas erröten ließ. „Noch eine kleine Weile auf der Weide und du bist reif für mich“, hauchte sie.

Moralschwester Martha hörte es trotzdem und echauffierte sich, dass das höchst unanständig sei und sie möge den jungen Mann nicht verderben. Adele winkte nur schnippisch mit der rechten Hand, als wolle sie weitere Mücken verscheuchen.

Sie stand auf und legte ihren rechten Arm auf Leos linken. „Hör mal mein Guter. Pass gut auf dich auf. Mit deiner Schönheit bist du auch bald das Freiwild einiger Herren hier.“ Als Leo daraufhin seinen Kopf schieflegte und schelmisch grinste, verstand Adele, dass sie zu spät kam.

Adele singt

Schweigend gingen sie zum Klavierspieler. Mit einem Diener übergab Leo sie an Richard Stelzer. Dann flüsterte sie mit ihm und er spielte einige Takte, während sie sich dem Publikum zuwandte.

„Hauen Sie in die Tasten, Herr Bigamist, wie meine gute Freundin Miss Tess in ihrem Programm in Tymians Thalia Theater auf der Görlitzer Straße immer zu sagen pflegte.“

Alles lachte. Und dann sang Adele im Stil von Otto Reutter dessen Lied von Fritz und Theodor2. Dabei schaute sie Leo tief in die Augen.

Waren einst zwei Zwillingsbrüder namens Fritz und Theodor/

Dass die beiden grundverschieden, aus den Namen geht’s hervor/

Theodor erklingt so lieblich, so gemütlich, gütlich, friedlich/

Aber Fritz, der Klang des Worts/

Klingt so grob, so rauh, so barsch, so frech, so korz…2

Das Publikum im Narrenhäusel brach in Beifallsstürmen und Hochrufen aus. Und der Oberkellner, Herr Franz, war zufrieden. Das Engagement des Klavierspielers hatte sich gelohnt. Nur Kellnerlehrling Leopold blickte verlegen nach unten. Er verstand den Wink der Diva. Adele bemerkte es wohl und ging nach mehrmaligen Verbeugungen und dem Versprechen einer Zugabe zu fortgeschrittener Zeit zu Leo.

„Mein Süßer, guck nicht so traurig. Ich bin dir nicht böse. Es war nur ein ganz klitzekleiner Anflug von Zickigkeit. Ist schon wieder vorbei.“ Und schon lächelte der süße Leo wieder.

Am Kränzchentisch wurden inzwischen die Eierschecken verdrückt und mit Kaffee heruntergespült.

Eingang zum Dresdner Narrenhäusel von der Augustusbrücke - zeitgenössische Postkarte
Eingang zum Dresdner Narrenhäusel von der Augustusbrücke – zeitgenössische Postkarte

Ärger im Planetarium

Als Adele am Tisch Platz nahm und in einem Zug das Sektglas leer trank, war sie wieder offen für Gespräche mit ihren Freundinnen. Erna Schwuppke erzählte gerade vom Besuch im frisch eröffneten Planetarium am Stübelplatz, das sie vor drei Tagen mit ihrem Mann besuchte. Natürlich wollten alle wissen, ob sich ein Besuch lohne.

„Doch, es lohnt sich schon. Man sieht mehr Sterne, als wenn man sich nachts den Himmel vor der Haustür anschaut. Das Problem aus meiner Sicht sind die Garderoben. Im Hochsommer, wenn man sowieso wenig anhat, sind die in Ordnung. Aber sobald es kühler wird oder man im Winter hineingeht, dann wird es problematisch.“3

„Hä, verstehe ich nicht. Was ist das Problem?“, rief Martha dazwischen.

„Das Problem ist der Widerspruch zwischen dem von Künstlern modern gestalteten Neubau und der stiefmütterlich gestalteten Garderobe. Zum einen bestreite ich vehement, dass Schirme und Stöcke dort abgegeben werden müssen. Diese stören im Saal niemanden. Zweitens empfinde ich das Gedränge in diesem kleinen Raum unerträglich. Es gibt keine richtige Ordnung für die Abgabe von Mänteln, Schirmen und Stöcken. Da die Besucher fast alle gleichzeitig hinein dürfen, ist das Gedränge so groß, dass man schon geschafft ist, ehe man überhaupt was zu sehen bekommt. Ich habe den Eindruck, dass die Stadt hier nur Geldschneiderei begeht. Bei dem Geschrei, wo jeder gleichzeitig seine Sachen loswerden möchte, ist das kaum auszuhalten. Ein Gitter, wo man nur paarweise herantreten könne, würde für Entspannung sorgen. So aber reichte es mir. Nie wieder gehe ich dorthin.“3

„Und darauf, meine Lieben, trinken wir erst mal einen Eierlikör“, warf Frieda Lempke ein und gab Kellner Ewald, genannt Waldi, ein Zeichen.

Überall nur Meckern und Drumherumgerede

„Wisst ihr, meine Lieben, es ist eine Schande, dass nur noch rumgemeckert wird. Dem einen passt dies nicht, dem anderen jenes.“ Damit wechselte Adele das Thema. „Wenn ich die Kritiken in den Zeitungen lese, wie sie über Inszenierungen herziehen, die sie oft nur bis zur Pause gesehen haben und die sie vielleicht noch im Suff in ihrer Stammkneipe schrieben, wird mir übel. Keiner achtet mehr unsere Kunst.“

„Furchtbar“, antwortete Martha mit einem Ausdruck des Mitgefühls, was Frieda dazu brachte, ihren Senf dazuzugeben.

„Besonders über Politiker wird gemeckert, über die da oben, über die, die andere gewählt haben, und über die, die die falschen gewählt haben. Das Problem ist, dass überall, ob im Reich, im Freistaat oder in unserem schönen Dresden, jetzt Leute regieren, die von der Angst vor Unpopularität getrieben werden. Daher wird wenig getan und viel gemeckert.“4

„Furchtbar“, warf Martha kopfschüttelnd ein.

„Einst galt das Recht als das Fundament des Reiches. Heute wird es von Sophisten in den Parlamenten totgeredet, sagt mein Mann“, bemerkte Erna Schwuppke.

Und Frieda entgegnete, dass einst der in feinen Berufen arbeitende Fachmann die Zierde der Gesellschaft gewesen sei. „Heute wird nur noch ein Talent geachtet, nämlich die Überredungskunst als wichtigste Befähigung für wichtige Ämter. Wer ganze Versammlungen herumkriegen kann, hat schon den Marschallstab in der Tasche. Mir steigt der Ekel auf.“4

„Furchtbar“, rief Martha und rang die Hände gen Himmel.

„Lass es gut sein, liebe Frieda. Ändern können wir das sowieso nicht. Also genießen wir unser Dasein, wo wir nur können“, beruhigte Adele ihre Freundinnen und bestellte noch eine Runde Sekt. Dann ging sie zum Klavierspieler und sang zum Abschied des Spätnachmittags ein weiteres Couplet von Otto Reutter.

Anmerkungen des Autors

1 „Mückenplage im Sommer 1926“, aus Dresdner Neueste Nachrichten vom 14. August 1926
2aus „Fritz und Theodor“, Musik und Text von Otto Reutter; DGG Polyphon 13029, Berlin, August 1922
3aus Dresdner Nachrichten vom 14. August 1926; Artikel „Kritik an der Garderobe im Planetarium Dresden“
4 aus Dresdner Nachrichten vom 1. August 1926, Artikel: „Es gibt keine richtigen Männer mehr“


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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