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Die Linke

Kammerspiel der Laster im Archiv der Avantgarden

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Seit gut drei Wochen ist die Ausstellung „Sieben Sünden. Kunst zwischen Versuchung und Widerstand“ im Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona (ADA) zu sehen. Zeit für einen zweiten, ruhigeren Blick – diesmal auf zwei Kammern, die bei der Eröffnung etwas untergingen: Völlerei und Lust.

Eine der sieben Sünden: Völlerei - Foto: Archiv der Avantgarden - Thomas Schlorke
Eine der sieben Sünden: Völlerei – Foto: Archiv der Avantgarden – Thomas Schlorke

Beim Presserundgang zur Eröffnung Mitte Juni ging es vor allem um die drei Volontärinnen, die große Zahl an Leihgaben und das Rahmenprogramm mit Cocktails und Filmscreenings. Wer die Schau jetzt, mitten in der Laufzeit, in Ruhe besucht, kann tiefer in die einzelnen Kammern eintauchen. Jede der sieben Todsünden bekommt im Blockhaus ihren eigenen Raum, beschriftet in violetten Lettern an der Wand – wie kleine Beichtstühle für Fortgeschrittene.

Völlerei: Wenn Essen zur Statusfrage wird

Dass Essen längst nicht nur satt macht, sondern auch Klasse verhandelt, ist die These der Völlerei-Kammer. Nicht die Menge steht im Zentrum, sondern die Frage, was gegessen wird und wie – Hummer und weißes Tischtuch signalisieren eben etwas anderes als die Currywurst an der Bude.

Marie Lynn Speckert bringt das in ihrem Video „Lobster“ auf den Punkt: Vor makellos weißem Hintergrund erscheint ein leuchtend orangefarbener Hummer, während eine Frau abwechselnd kontrolliert ihre Frisur richtet und das Tier mit bloßen Händen auseinanderreißt. Die Kontrolle kippt in Brutalität – und zurück. Auf der Bank davor sitzen bei meinem Besuch zwei Frauen und schauen minutenlang zu, ohne ein Wort zu wechseln. Genau diese stille Wirkung macht die Arbeit im Raum stärker als jedes Wandschild es könnte.

Besucherinnen in der aktuellen Ausstellung "7 Sünden" Video „Lobster“ von Marie Lynn Speckert im Hintergrund - Foto: Archiv der Avantgarden - Thomas Schlorke
Besucherinnen in der aktuellen Ausstellung „7 Sünden“ – Foto: Archiv der Avantgarden – Thomas Schlorke

Deutlich komödiantischer geht es bei Christian Jankowski zu: In seiner frühen Videoarbeit „Die Jagd“ schiebt er einen Einkaufswagen durch die Regale eines Supermarkts – muss die Beute aber tatsächlich erst mit Pfeil und Bogen erlegen. Archaisches Jagdritual trifft auf Rabattschild, und das Ergebnis ist komischer, als es klingt.

Wer es lieber leise mag, findet bei Daniel Spoerri, dem Begründer der „Eat Art“, ein anderes Prinzip: Er katalogisierte einst die Gegenstände auf seinem Pariser Hotelzimmertisch und legte damit den Grundstein für seine späteren „Fallenbilder“, in denen er Essensreste, Servietten und Besteck auf senkrechten Flächen fixierte. Kleine Alltagsarchäologie, sozusagen.

Die Kammer „Lust“ mit einer Arbeit der Künstlergruppe Inventory - Foto: Archiv der Avantgarden - Thomas Schlorke
Die Kammer „Lust“ mit einer Arbeit der Künstlergruppe Inventory – Foto: Archiv der Avantgarden – Thomas Schlorke

Lust: Vom Kaufrausch zum Fetisch

Das lateinische Wort luxuria steckt in der Kammer nebenan – und meint eben nicht nur sexuelles Begehren, sondern auch die Lust am materiellen Übermaß. Erst die christliche Übersetzung als Wollust verengte den Begriff.

Am deutlichsten wird das bei der Künstlergruppe Inventory: Ihre Siebdrucke ahmen die Ästhetik von Jugendmagazinen und Werbeplakaten nach, um sie gegen den Strich zu bürsten. Zwischen Sneaker-Werbung und Britney-Spears-Konterfei prangen Sätze wie eine Gleichsetzung von Konsumgesellschaft und Sklaverei – Kapitalismuskritik im Gewand der eigenen Werbesprache, plakativ und wirkungsvoll zugleich.

Etwas leiser, aber nicht weniger pointiert kommt Claes Oldenburg daher: Er begegnete Mitte der 1960er-Jahre in London Miniröcken und Go-Go-Boots und schuf daraufhin sein Multiple „London Knees“ – einen Koffer mit einem Paar Knien und 21 Zeichnungen, in denen sich diese zu überdimensionierten Formen vervielfachen. Ein Kniefetisch, lange bevor das Wort dafür erfunden wurde.

Wer es expliziter mag, wird bei Pierre Molinier fündig: Ein signierter Nylonstrumpf, den der Künstler einst als Einladung zu zwei Ausstellungen seiner Fetish-Fotografien verschickte. Molinier inszenierte sich darauf als Domina, Androgyn und Burlesque-Tänzerin – zu einer Zeit, in der solche Selbstdarstellung massiv stigmatisiert war.

Ein Rundgang für alle, die Zeit mitbringen

Was die Schau insgesamt auszeichnet: Sie drängt niemanden. Wer nur die Kupferstiche von Pieter van der Heyden nach Bruegel sehen will, kann das in zehn Minuten tun. Wer sich Zeit nimmt, findet in den Kammern – neben Völlerei und Lust auch bei Stolz, Gier, Neid, Zorn und Trägheit – immer wieder Werke, die eher zum Sitzenbleiben als zum Weiterlaufen einladen.

Die Ausstellung „Sieben Sünden. Kunst zwischen Versuchung und Widerstand“ läuft noch bis zum 6. September. . Geöffnet ist dienstags bis freitags von 15 bis 19 Uhr sowie samstags von 11 bis 18 Uhr, der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona

  • im Blockhaus, Große Meißner Straße 19
  • Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 15 bis 19 Uhr, Sonnabend und Sonntag 11 bis 18 Uhr
  • Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 4 Euro
  • archiv-der-avantgarden.skd.museum/

Das Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona (ADA) im Blockhaus direkt gegenüber vom Goldenen Reiter beherbergt eine weltweit einzigartige Sammlung mit rund 1,5 Millionen Kunstwerken, Objekten und Dokumenten der Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Neben Ausstellungen versteht sich das Haus als offene Forschungsstätte und Ort für den Austausch zwischen Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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